Briefe an das Patenkind: Zukunftsangst

Liebe Franziska,

Sorgen machst Du Dir um die Zukunft. Manchmal, schreibst Du, hast Du nackte Panik: Dass Du Deinen Weg, vielleicht nicht gehen kannst, weil Du keine Arbeit bekommst und Deinen Lebensunterhalt nicht selbst verdienen kannst. Allein stehst Du damit nicht.

Zunächst einmal, liebes Kind: Angsthaben ist nicht verwerflich. Im Gegenteil. Es ist nicht nur normal, sondern bis zu einem gewissen Grad auch nützlich. Angst mobilisiert Körper und Psyche, sie schärft die Sinne. Für unsere steppebewohnenden Vorfahren war Angst die Eigenschaft, die sie überleben ließ in einer Welt, die zweibeinigen Besserwissern gegenüber verständlicherweise nicht gerade aufgeschlossen war. Es ist wie mit Zahnschmerz: Zugegeben ein irgendwie primitives Warnsystem, aber ein sehr, sehr wirksames. Angst ist ein Mobilisierungssystem und es funktioniert ebenfalls ziemlich gut.

Dauernde Angst aber „essen Seele auf“, wie es in einem Filmtitel aus den siebziger Jahren heißt: Wer dauerhaft Angst hat und damit Körper und Psyche in dauernder Alarmbereitschaft hält, überfordert sich körperlich und geistig. Das geht nicht gut.

Und da liegt das Problem: Zukunftsangst mobilisiert nicht Kräfte, um einer aktuellen Gefahr zu begegnen. Sie entsteht schleichend, bindet Kräfte und wirkt lähmend. Unter der Dauerberieselung durch Nachrichten und Meinungskundgebungen entsteht schnell das Gefühl, alles stünde schlecht. Das hat auch damit zu tun, dass vor allem schlechte Nachrichten überhaupt Nachrichten sind.

Als Du noch als kleiner Fratz mit Deinen Freunden im Sandkasten spieltest, schicktet ihr ja auch nicht alle halbe Stunde einen reitenden Boten zur versammelten Elternschar, um mitzuteilen, dass alles in Ordnung sei. Angelaufen kamt ihr nur, wenn mal wieder irgendjemand – meistens Du – einem anderen die Schippe über die Rübe gezogen hatte.

Mit Nachrichten verhält es sich ähnlich: Die Nachricht, alles laufe irgendwie gut, ist keine Nachricht. Interessant wird es erst, wenn die Dinge – tatsächlich oder vermeintlich – schlecht laufen. In Wahlkampfzeiten gilt das erst recht.

Dann treten Experten auf den Plan und erklären dem staunenden Publikum, dass sie’s erstens immer schon gewusst hätten und zweitens diese oder jene Forderung nun aber ganz dringlich erfüllt werden müsse, weil die Reiter der Apokalypse bereits dabei seien, ihre Pferde zu satteln. Andere Experten sehen’s natürlich anders. Dann streitet man wortreich und ist sich nur darüber einig, dass alles ganz schlimm sei und „man“ jetzt aber wirklich schnellstens etwas tun müsse. Der Mann, der schnellstens etwas tut, kommt aber irgendwie nicht und also bleibt meistens alles beim Alten.

Ich möchte Deine Ängste nicht klein reden, Franziska, und auch nicht leugnen, dass es in diesem Land Dinge gibt, die nicht hinnehmbar sind. Aber (und dieses aber ist ein sehr großes aber): Lass Dir nicht einreden, dass „alles immer schlimmer“ würde oder dass es „früher besser“ gewesen sei: Wird es nicht, war es nicht.

Lamentieren und streiten bringt uns nicht weiter. Gelähmt vor der Schlange sitzen, in der Hoffnung, sie zu hypnotisieren, auch nicht (das funktioniert nur bei eher minderbegabten Schlangen, wie Kaa aus dem Dschungelbuch).

Die Zukunft, mein eigenwilliges Patenkind, ist „das unentdeckte Land“, unbekannt und wenig vorhersagbar. Was wir tun können, um in diesem Land zu überleben, ist das, was auch unseren steppebewohnenden Vorfahren geholfen hat: Wir tun unser Bestes, ignorieren das Geplärre der Besserwisser und gehen unseren Weg, so gut wir’s eben können. Dass wir Menschen das ziemlich gut drauf haben, zeigt die schiere Tatsache, dass es uns noch gibt. Trotz offenkundiger Konstruktionsmängel. Das jedenfalls meint

Dein expertenskeptischer Patenonkel.

 

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