Der WORTFOLIO Blog: Wohin nur mit den Talenten?

Talentprogramme – Potentialträgerprogramme, Führungskräfte-Entwicklungsprogramme, wie auch immer sie heißen mögen – erfreuen sich großer Beliebtheit. Kein Wunder, wird es doch zunehmend schwerer, Führungskräfte ganz einfach auf dem Arbeitsmarkt einzukaufen. Die Idee ist bestechend, unter den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Ausschau zu halten und diejenigen zu identifizieren, die den Willen und das Potential haben, später Führungskräfte zu werden. Und sie dann so auszubilden, wie das Unternehmen es gerne hätte, wie es zur Kultur und den Gepflogenheiten passt. Gerne unter Einbeziehung externer Berater und Trainer, die ihre inhaltliche Kompetenz und ihren Blick von außen einbringen.

Wirklich. Gute Idee. Finden wir gut.

Nur ist es nicht ganz so einfach.

  • Das geht schon damit los, dass es ausgesprochen schwierig ist, zutreffend zu diagnostizieren, ob jemand das Zeug zur Führungskraft tatsächlich hat. Das liegt zum einen daran, dass es doch eher umstritten ist, was genau eigentlich eine gute Führungskraft ausmacht und erst recht, wie man derlei bei Menschen erkennen kann, die ja per Definition noch gar keine Führungskräfte sind.Und dann spielt immer noch eine Rolle, wie viel Zeit, Energie und Geld eine Organisation für diesen diagnostischen Prozess aufzubringen gewillt ist. Und inwieweit sie bereit ist, hier diagnostischer Expertise auch ein gewichtiges Wort einzuräumen. Die Erfahrung sagt: Nicht so viel.
  • Selbst wenn aber jemand das Potential mitbringt, heißt das ja noch lange nicht, dass er oder sie später einmal tatsächlich Führungskraft werden will. Die Motivation zur Führung mag sich schließlich im Laufe der Zeit verändern.
  • Und schließlich ist es praktisch unmöglich, hinreichend präzise zu vorherzusagen, ob jemand denn am Ende auch tatsächlich Führungskraft werden wird. Das hängt ja nun einmal nicht allein vom Potential der Person oder ihrem Wollen, sondern wesentlich vom Willen der betreffenden Organisation ab. Der erfahrungsgemäß gar nicht mal so selten bemerkenswert gering ausgeprägt ist.

In allen drei Fällen wird potentiell eine Menge Zeit und Mühe und Geld verschwendet, wenn es am Ende tatsächlich nur und ausschließlich darum geht, Menschen in Führungspositionen zu bringen und daran auch der Erfolg des Programms bemessen wird.

Gleichzeitig lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in solchen Programmen üblicherweise viele sinnvolle Dinge, die sich auf vielfältige Weise im Unternehmen nutzen ließen, wenn man denn wollte. Und: Führung findet ja nicht nur bei formaler Führungsverantwortung, sondern beispielsweise auch in Projektarbeit statt. Und schließlich ist es eigentlich ja sinnvoll, Menschen, die etwas gelernt haben, auch die Möglichkeit zu bieten, das Gelernte möglichst häufig umzusetzen oder zu vertiefen.

Es spricht also alles dafür, Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Potentialprogrammen für das Unternehmen zu nutzen – unabhängig davon, ob sie unmittelbar oder vielleicht erst später oder vielleicht auch gar nicht in Führungspositionen kommen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Talente können beispielsweise …

  • … als interne Berater für Veränderungsprozesse fungieren oder als „Thinktank”, der für kreative Ideen und Lösungen aktueller und/oder strategischer Herausforderungen zuständig ist;
  • … als Teamentwickler oder Unterstützer / Moderatoren bei Konflikten;
  • … Trainings /Schulungen / Workshops zu Themen wie Mitarbeiterentwicklung oder Leistungsmanagement (oder anderen Themen) übernehmen,
  • … andere Führungskräfte mit Peer-Beratungsmethoden vertraut machen und dazu beitragen, eine Kultur der gegenseitigen Beratung und Unterstützung auf der Führungsebene zu etablieren.

All dieses und vieles mehr ist denkbar. Und nützlich. Die Frage ist: Hat das Unternehmen, haben diejenigen, die das Entwicklungsprogramm ins Leben gerufen haben, sich Gedanken darüber gemacht, was sie mit dem neu geschaffenen Pool an Talenten anfangen wollen? Jenseits des einigermaßen banalen: “Sollen sich halt auf Führungspositionen bewerben”.

Wenn nicht, wird’s höchste Zeit.

Anregung für’s Wochenende: Wenn Sie in irgendeiner Form mit Potentialprogrammen zu tun haben, fragen Sie sich, was Sie mit all den Talenten anstellen könnten. Und wenn Sie mit derlei nix zu tun haben: Genießen Sie einfach das Wochenende. Das ist immer eine gute Idee.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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