Der WORTFOLIO Blog: Unsicherheit, Risiko und Gewissheit (Risikokommunikation I)

In einigen der kommenden Blogeinträge wird uns das Thema Risikokommunikation beschäftigen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein paar Grundbegriffe klären, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind und gleichzeitig in
öffentlichen Debatten
gerne durcheinander geworfen bzw. unscharf gebraucht werden.


Zunächst gilt es, drei grundlegende Begriffe voneinander abzugrenzen:

  • Gewissheit besteht dann, wenn ein Ereignis A unweigerlich und ohne Ausnahme Ereignis B nach sich sich zieht. Ganz streng genommen, existiert derlei nicht, ganz einfach, weil es nichts auf dieser Welt gibt, das wirklich gewiss ist. Für unsere Zwecke reichen jedoch beispielsweise die Naturgesetze ganz gut hin: Wenn ich einen Apfel fallen lasse, fällt er in Richtung Erdmittelpunkt. Immer.
  • Unsicherheit besteht dann, wenn auf A B folgen kann. Oder C. Oder D. Oder sonst irgendetwas. Oder auch gar nichts.
  • Von Risiko sprechen wir dann, wenn die möglichen Folgen von A eingrenz- und benennbar und außerdem die jeweiligen Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens bezifferbar sind.

Dabei wiederum gibt es – schon wieder – drei Möglichkeiten, wie diese Bezifferung zustande kommen kann:

Die Wahrscheinlichkeit des Eintretens der möglichen Folgen eines Ereignisses …

  • … geht aus den Eigenschaften des fraglichen Objekts hervor. Bestes Beispiel ist ein Würfel: Dieser ist so gearbeitet, dass die Wahrscheinlichkeit für jede der sechs Seiten, nach einem Wurf oben zu liegen, identisch ist, also 1:6.
  • … beruht auf einer intuitiven Schätzung oder einem Bauchgefühl.
  • … ergibt sich aus des Erfahrung, d.h. aus einer systematischen Auszählung bisher eingetroffener Fälle. Das ist beispielsweise bei Aussagen über die Wahrscheinlichkeit von Heilerfolgen bei medizinischen Behandlungen der Fall. Oder auch bei der Angabe von Regenwahrscheinlichkeiten. Nicht jedoch beispielsweise bei der Bezifferung von Risiken im Zusammenhang mit Nuklearunfällen.

Die allermeisten Wahrscheinlichkeitsaussagen entsprechen Möglichkeit 2 oder 3. Was fatal ist. Und zwar deshalb, weil Möglichkeit 2 Genauigkeit vorspiegelt, wo gar keine ist. Die Bezifferung könnte man sich glatt sparen, weil sie sich auf nichts stützt. Nur dass eben Zahlen immer so zuverlässig wirken. Eben deshalb kleiden wir ja unser durch nichts gestütztes Bauchgefühl so gerne in willkürliche Zahlenangaben.

Möglichkeit 3 ist deshalb fatal, weil wir es schlicht nicht gewöhnt sind, in Statistiken zu denken. Weshalb die meisten Menschen nicht in der Lage sind, die Angabe einer Regenwahrscheinlichkeit korrekt zu übersetzen.

Noch fataler wirkt sich dieses aus in Kulturen, die zu allem Überfluss Vorurteile gegen Statistiken pflegen und mit ihrer verbreiteten Zahlenblindheit auch noch kokettieren.

In kommenden Blogbeiträgen wird es deshalb u.a. darum gehen, wie man mit Wahrscheinlichkeitsaussagen umgehen kann bzw. wie Wahrscheinlichkeitsaussagen aufbereitet werden können, sodass sie eher einleuchtend sind oder wenigstens nicht zusätzlich Verwirrung stiften.

Anregung für’s Wochenende: Überprüfen Sie mal, in wie vielen Momenten Sie Entscheidungen auf Wahrscheinlichkeitsabschätzungen gründen und ergründen Sie, auf was sich diese stützen.
Herzlich

Ihr
Christoph Frey

Literatur:
Gigerenzer, G. (2004). Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag.
Gigerenzer, G. (2013). Risiko. Wie man richtige Entscheidungen trifft. München: Bertelsmann.
Gigerenzer, G. (2007). Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Goldmann

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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