Briefe an das Patenkind: Tod

Liebe Franziska,

die Beerdigungsfeierlichkeiten für unseren Freund beschäftigen Dich. Nicht so sehr die Beerdigung selbst, sondern die anschließende Feier, bei der einige Dutzend Menschen unterschiedlicher Altersklassen im Hof des Hauses saßen, das er bewohnt hatte, und aßen und tranken und fröhlich schwatzten. Wo da die die Trauer bleibe, fragst Du.

Verstehen kann ich sie, Deine Frage. Als ich in Deinem Alter war, befremdeten mich die Erzählungen von der Beerdigung unseres alten Pfarrers, bei der man schließlich nachts noch Musikanten holte, zum Tanz aufspielte und „Ein Tag so wunderschön wie heute“ sang. Ich fand das pietätlos. Damals.

Jetzt, viele Jahre später, sehe ich das nicht mehr so. Im Gegenteil. Alles, so heißt es im Prediger Salomonis, habe seinen Platz: leben und sterben, feiern und traurig sein, pflanzen und ernten. Sinngemäß jedenfalls, an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr.

Wir alle waren traurig bei der Beerdigung unseres Freundes, weißt Du. Sehr traurig sogar, denn da ist ein Mensch gegangen, der uns wichtig war und teuer. Den wir vermissen, nach wie vor. Und weil das eben so ist, fanden wir es angemessen, ihm zu Ehren zu feiern. Denn er feierte gern. Wir erinnerten uns an ihn. An seine Eigenheiten und Schrulligkeiten. Erzählten alte Geschichten und Anekdoten. Ließen ihn so wieder lebendig werden in unseren Erzählungen.

Ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt. Und wie jeder andere auch, habe ich Angst davor. Nicht immer und jederzeit, aber immer wieder. Es ist die einzige Konstante in meinem Leben wie in Deinem und dem aller Anderen. Es wird passieren. Wir werden sterben, vorbereitet oder unvorbereitet. Soweit man sich darauf überhaupt vorbereiten kann. Weiterleben werden wir – zumindest mit Gewissheit – nur insofern und insoweit sich andere an uns erinnern. So wie wir uns an unseren Freund erinnerten. Und weil er ein guter Mensch war, waren unsere Erinnerungen liebevoll. Geprägt vom Bewusstsein des Verlusts.

Ich wünsche mir sehr, dass sich Menschen eines Tages meiner so erinnern werden. Dass sie lachen über meine Unzulänglichkeiten, absonderliche Geschichten erzählen und gemeinsam – ja, fröhlich sind. Und wenn sie singen wollen von dem Tag, der so wunderschön ist, wie eben der, an dem sie mich beerdigen, dann soll es mir recht sein. Denn dann erinnern sie sich gerne an mich. Und so lebe ich weiter in dieser Erinnerung und bin nicht einfach ausgelöscht.

Wenn der Tag kommt, mein liebes Kind, an dem Du mit anderen an meinem Grab stehst, dann erinnere Dich dieser Zeilen. Sei ruhig ein bisschen traurig – und erinnere Dich dann meiner mit Freude. Erzähle Geschichten und höre Dir die Geschichten anderer an; trinke ein Glas guten Wein oder auch mehrere und küsse einen schönen Mann oder eine schöne Frau, wenn Dir danach ist.

Die Trauer kommt auch nach so einer Feier wieder und manchmal dauert es lange bis sie vergeht. Aber sich so zu erinnern, erleichtert sie, meint

 

Dein manchmal trauriger Patenonkel.

 

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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