Der WORTFOLIO Blog: Symbole & Rituale

Deutschland ist ein Land des Gedenkens, der – zumeist – steingewordenen Erinnerung. Das erweist ein kurzer Spaziergang in einer beliebigen Stadt, einem beliebigen Dorf. Überall finden sich Erinnerungstafeln, Mahnmale, Denkmäler. Aber nicht nur im Großen findet allenthalben Erinnerungskultur statt: Kreuze, häufig Namen und Foto, finden sich an vielen Straßen und erinnern an die, die dort zu Tode gekommen sind. Auch die unzähligen, liebevoll gepflegten Gräber auf deutschen Friedhöfen unterstreichen, wie wichtig in Deutschland die Erinnerung an die Vergangenheit ist.

Auch Organisationen pflegen das Gedenken und die symbolische Erinnerung. Nicht nur diejenigen Organisationen, für die die Erinnerung zum eigentlichen Organisationszweck gehört. Schauen Sie sich einmal ein beliebiges Feuerwehrhaus an: Dort finden Sie in aller Regel jede Menge symbolische Erinnerung an gemeinsam durchgestandene Einsätze, an verstorbene Mitglieder oder auch generell – repräsentiert durch ausrangierte Feuerwehr-Werkzeuge und Utensilien – an vergangene Zeiten.

Und selbst in populären Fernsehserien finden sich Hinweise auf Erinnerungskultur, z.B. in der in den neunziger Jahren beliebten US-amerikanischen Krankenhausserie „Emergency Room, wo an einer Wand im Keller die Namensschilder all derer hingen, die einmal auf der Station gearbeitet hatten. Oder in den „Sopranos, wo in keiner Kneipe, die regelmäßig von der Mafia frequentiert wurde, die Bilder der verstorbenen früheren Mitglieder fehlen durften.

Ein weiterer Aspekt sind Rituale, die wir sowohl im privaten als auch im organisationalen Kontext pflegen.

Warum machen Organisationen das? Haben wir nicht in den Neunzigern gelernt, dass es Mitarbeitenden egal sein sollte, wo sie ihre Arbeit verrichten? Bis hin dazu, dass sie idealerweise gar keinen eigenen Arbeitsplatz mehr haben und sich dorthin mit ihrem Laptop setzen sollten, wo noch ein Platz frei ist? Ist nicht Heimarbeit das große Thema auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familien und Beruf?

Das eine muss das andere ja nicht ausschließen. Bestehen bleibt aber meines Erachtens die Bedeutung von Symbolen und Ritualen im Hinblick auf ihre wichtigste Funktion: Sie bieten Orientierung und Identität. Sie schaffen die Sicherheit, die für menschliche Wesen offenbar so wichtig ist. Gerade in einer immer mehr als komplex erkannten Welt. Darin liegt ihr wichtigster Nutzen und in der Hinsicht können viele Organisationen noch eine Menge lernen. Insbesondere, aber natürlich keineswegs nur, Mitarbeitende in Verwaltungsorganisationen leiden oft darunter, dass ihre Arbeit oft eher an Sisyphos erinnert. Und auch wenn Albert Camus uns sagt, dass wir uns eben jenen Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen hätten, so scheint es durch nur allzu menschlich zu sein, eine Arbeit, die niemals aufhört, die stets auf’s Neue beginnt und nie abgeschlossen ist, als eher wenig befriedigend zu erleben.

Da helfen Symbole und Rituale oder allgemeiner: die gemeinsame Erinnerung; das gemeinsame Sich-versichern, wer man ist, was wichtig ist, wozu man zusammen arbeitet, welche Werte man gemeinsam hochhält, was man alles gemeinsam erlebt und durchgestanden hat.

Auch dies kann ein wichtiger Faktor in der Entwicklung der Kultur eines Teams oder einer Abteilung sein. Leider wird er selten genutzt: Dann vergessen Mitarbeitende schnell, wer einmal im Team gearbeitet hat, welche Erfolge und Niederlagen man gemeinsam gefeiert oder durchlitten hat – und vergessen dadurch, was den eigenen Bereich ausmacht.

Freilich, wenn Führungskräfte an der Spitze ihre Aufgabe vor allem dadurch definieren, ständig und immer wieder Strukturen durcheinander zu würfeln, fällt es schwer, so etwas wie eine Identität auf Team- oder Abteilungsebene zu schaffen. Schade ist das allemal. Es wird vielfach vergessen, wie wichtig Identität, das Gefühl des Anerkannt-Seins, des Aufgehoben-Seins für Mitarbeitende ist; wie sehr es dazu beiträgt, sich anzustrengen, mitzudenken, im Zweifelsfall auch einmal mehr zu machen als verlangt wird. Das tun Menschen tendenziell nicht für das Wohl eines großen, unüberschaubaren Unternehmens oder gleich gar seiner Shareholder, sondern für die Kolleginnen und Kollegen in der unmittelbaren Umgebung. Dann sind auch allfällige Veränderungsprozesse leichter durchzustehen und konstruktiv auszugestalten.

Anregung für’s Wochenende: Gehen Sie mal aufmerksam durch Ihre Wohnung und nehmen Sie wahr, wie viele Dinge sie besitzen, die keinen objektiven Wert besitzen; die sie lediglich aus welchen sentimentalen Gründen auch immer haben. Und fragen Sie sich, welche Rituale sie tagtäglich oder wöchentlich oder jährlich vollziehen. Welchen Wert haben diese Gegenstände für Sie? Was bedeuten sie? Warum heben Sie sie auf? Welche Bedeutung haben die Rituale? Was gewinnen Sie dabei?

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

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