Der WORTFOLIO-Blog: Problemvermeidung / Passivität

Es ist mal wieder Zeit für die Urlaubsplanung in der Abteilung. Und wie immer ist es schwierig. In diesem Jahr sind es Thomas und Silvia, die aneinander geraten. Thomas hat zwei Kinder im schulpflichtigen Alter und ist von daher auf die Ferienzeiten angewiesen. Silvia hat keine Kinder. Aber sie möchte zur selben Zeit Urlaub machen wie Thomas. Mit guten Gründen. Nachdem die beiden eine Weile lang versucht haben, den anderen von der – natürlich objektiv gegebenen – Richtigkeit ihres Anspruchs zu überzeugen, springt Thomas irgendwann wütend auf, brüllt irgendetwas nicht zitierfähiges bezüglich Silvias Uneinsichtigkeit und verlässt türenknallend den Raum.


Nicht wirklich ungewöhnlich, oder? Derlei spielt sich in allen möglichen Varianten wahrscheinlich jeden Tag tausendfach in deutschen Betrieben ab.

Dass das Problem auf diese Weise eher nicht gelöst werden dürfte, liegt auf der Hand. Und damit könnte man den Vorfall achselzuckend abhaken. Aber es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen. Was ist da genau passiert?

Ganz grundsätzlich betrachtet hat jeder Mensch, der sich irgendeiner Herausforderung gegenübersieht, zwei Möglichkeiten: Er oder sie kann das volle Potential seines oder ihres Denkens und Fühlens, die volle eigene Handlungsfähigkeit zur Lösung des Problems einsetzen.

Oder aber: Man aktiviert das eigene Skript und fasst die Welt so auf, dass sie zu den Beschlüssen passt, die man als kleines Kind getroffen hat. Dementsprechend blendet man Sachverhalte aus, die zur Lösung des Problems beitragen können und investiert die zur Verfügung stehende Energie in problemvermeidende Aktivitäten. Das hat Thomas getan.
Sein Verhalten kann man auch als passiv bezeichnen. Passivität beschreibt “die Art und Weise, wie Menschen Dinge nicht bzw. nicht effektiv tun”.

Dementsprechend wäre Thomas’ Verhalten, das doch so gar so aktiv daherkommt, ganz und gar nicht aktiv, sondern passiv. Er vermeidet auf diese Weise höchst effektiv, sich dem eigentlichen Problem zu stellen und Ansätze für dessen Lösung zu entwickeln. Natürlich geschieht dies vermutlich unbewusst, aber deshalb eben nicht weniger zielgerichtet.


Es lassen sich vier passive Verhaltensweisen unterscheiden.

Statt Energie zur Problemlösung einzusetzen, wird sie eingesetzt, um …

  • …  bei sich selbst jedes Handeln zu unterbinden (Nichts tun);
  • …  sich dem zu fügen,was man für die Wünsche der Umgebung hält, ohne dies oder auch eigene Bedürfnisse zu prüfen (Überanpassung);
  • …  Unbehaglichkeit durch Verhalten oder Tätigkeiten ohne Sinn und Zweck zu dämpfen (Agitation);
  • …  andere durch Selbstbeeinträchtigung oder Gewalt dazu zu veranlassen, das Problem für einen zu lösen. So wie Thomas im Beispiel.

Das Passivitätskonzept ist hilfreich, um sich darüber klar zu werden, dass Problemvermeidung letztlich ein aktiver Akt ist, der Energie kostet – Energie, die sinnvoller zur Problemlösung eingesetzt werden könnte. Gleichzeitig verweist das Konzept darauf, dass Menschen ein Problem in der Regel nicht aus Dummheit, Böswilligkeit oder Verrücktheit vermeiden, sondern weil sie aus irgendwelchen Gründen der Überzeugung sind, es nicht lösen zu können.

Anregung für’s Wochenende: Versuchen Sie mal mitzubekommen, in welchen Situationen Sie ein Problem vermeiden statt es anzugehen. Gehen Sie der Frage hinterher, was genau es ist, das Sie davon abhält, dieses Problem anzugehen: Welche Überzeugungen, Ideen, Gefühle gehen damit einher? Und das Ganze natürlich wie immer ganz im Geist des neugierigen Entdeckers.
In diesem Sinne ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Christoph Frey

Literatur:

Stewart, I. & Joines, V.S. (1990). Die Transaktionsanalyse. Eine Einführung. Freiburg: Herder

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