Der WORTFOLIO Blog: Ockhams Rasiermesser

Woran lässt sich die Wahrheit einer Hypothese erkennen?
Zunächst mal gar nicht, wenn man Poppers wissenschaftstheoretischem Ansatz folgt. Der besagt nämlich, dass Hypothesen nicht belegt, sondern lediglich widerlegt werden können. Dementsprechend gilt eine Hypothese als wahr solange sie robust allen Versuchen, sie zu widerlegen, widerstehen konnte. In der Alltagsrealität ist dieses Prinzip freilich nicht immer wirklich tauglich. Insbesondere, wenn wir setzen, dass Erkenntnis nur durch Erfahrung möglich ist. Gelegentlich müssen wir uns ja zwischen konkurrierenden Hypothesen zu einem Sachverhalt entscheiden, ohne dass wir die Möglichkeit oder die Zeit zu haben, diese empirisch zu überprüfen.
Und genau dafür gibt es ein kleines, feines und jahrhundertelang erprobtes Werkzeug. Entwickelt hat dieses Wunderding der englische Franziskanermönch William von Ockham. Und das schon im 14. Jahrhundert. Die Rede ist von Ockhams Rasiermesser, auch bekannt als Sparsamkeitsprinzip.

Im Original lautet Ockhams Aussage: Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem; zu Deutsch: Entitäten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden.

Gemeint ist damit, dass einfache Erklärungen oder Hypothesen komplizierten vorzuziehen seien. Einfach sind Erklärungen oder Hypothesen dann, wenn sie mit möglichst wenigen Setzungen auskommen.


Ein historisches Beispiel:
Die Auffassung des Ptolemäus, dass sie Erde im Mittelpunkt unseres Sonnensystems stünde, erfüllte über Jahrhunderte hinweg zwei wichtige Kriterien:

  • Erstens entsprach sie dem, was Menschen, wenn sie den Himmel beobachteten, gewissermaßen automatisch für wahr hielten. Sie war also plausibel und entsprach dem allgemeinen Weltbild.
  • Zweitens ließ sie zutreffende Vorhersagen zu, d.h. Beobachtungen von Planetenbahnen ließen sich gut in Übereinstimmung mit dem geozentrischen Weltbild bringen und man konnte auf dieser Basis die Bewegungen von Planeten und anderen Himmelskörpern beschreiben und vorhersagen.

Alles gut also.

Mit dem technischen Fortschritt jedoch wurden auch die Beobachtungsmöglichkeiten immer besser. Es gab also immer mehr Daten zu Bewegungen von Planeten und anderen Himmelskörpern. Und diese ließen sich gar nicht mehr gut in Übereinstimmung mit Ptolemaios’ Auffassung bringen. Um das geozentrische Weltbild zu retten, bedurfte es eine immer größeren Menge an Zusatzannahmen.


Und eben da kommt das Rasiermesser ins Spiel: Wenn eine Hypothese nur noch durch eine große Menge an Zusatzannahmen und – häufig nicht beweisbaren –  Setzungen gestützt werden kann, liegt es nahe, zu vermuten, dass sie falsch ist. Und tatsächlich erlaubt eine simple Umgruppierung der Himmelskörper, die die Sonne ins Zentrum rückt, viel einfachere Berechnungen und Vorhersagen. Damit ist sie – dem Ansatz Ockhams folgend – vorzuziehen. Jedenfalls so lange bis eine noch elegantere Hypothese formuliert wird oder aber – was ja mittlerweile geschehen ist – die Sache empirisch überprüft werden kann.

Damit zeigt sich, dass Ockhams Rasiermesser insbesondere für den Alltagsgebrauch ein hilfreiches heuristisches Werkzeug ist, das insbesondere dann wertvolle Dienste leistet, wenn wieder einmal jemand versucht, mit Hilfe komplizierter, vielschichtiger und umfangreicher Erklärungen so viel Verwirrung zu stiften, dass man am Ende seinen oder ihren Schlussfolgerungen Glauben schenkt.


Anregung für’s Wochenende: Machen Sie sich mal das Vergnügen, gängige Verschwörungstheorien mit Hilfe des Rasiermessers zu überprüfen. Überlegen Sie, wie viele Zusatzannahmen (die entweder gar nicht prüfbar sind oder jedenfalls nicht extra geprüft werden) notwendig sind, um die Theorie aufrecht zu erhalten.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

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