Der WORTFOLIO Blog: Mitarbeitergespräche

Heißa, es ist mal wieder Zeit für’s alljährliche Mitarbeitergespräch! Alle freuen sich schon wie Bolle. Juhu, das wird ein Spaß. Endlich mal wieder mit dem Chef / der Chefin respektive mal wieder mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sprechen.So recht frei von Leber weg. Man kommt ja sonst nicht dazu.

Okay. War ein Witz. Natürlich ist es so nicht.

Aber warum eigentlich? Es könnte doch so sein. Vielleicht nicht ganz so enthusiastisch, okay, aber müssen Mitarbeitergespräche gar so sehr als unerfreuliche, bestenfalls harmlose, schlimmstenfalls Konflikt- und Emotionsbeladene Pflichtübung daherkommen? Etwas, das man missmutig vor sich herschiebt, nicht selten sogar fürchtet?

Tatsächlich ist das ja in vielen Organisationen gelebte Realität.

Zum einen hat das sicherlich etwas damit zu tun, dass in Mitarbeitergesprächen häufig einige Themen miteinander vermischt werden, die eigentlich wenig miteinander zu tun haben:

  1. Ein Thema in Mitarbeitergesprächen ist häufig, wenn nicht sogar meistens, die Bewertung der Mitarbeiterleistung. Manchmal ausgefeilt und strukturiert  mit Hilfe eines Kompetenzmodells mit Verhaltensankern, also anhand festgelegter Kriterien und Verwendung  einer mehrstufigen Bewertungsskala; manchmal eher lax. Manchmal ist an diese Bewertung eine Konsequenz geknüpft, manchmal nicht. Feedback sollte eigentlich immer wesentlicher Bestandteil dieses Themas sein.
  2. Zum anderen sollen sich Mitarbeitende und Führungskräfte in solchen Gesprächen, häufig „mal austauschen“, über die Dinge reden, zu denen man sonst nicht kommt.
  3. Und schließlich soll in diesem Rahmen häufig auch noch die persönliche (Weiter-)Entwicklung des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin unterstützt, gefördert, angestoßen werden.

Ein bisschen viel, oder? Zumal es nicht übertrieben kühn ist, zu vermuten, dass in der Regel weder Führungskräfte noch Mitarbeitende  im Anschluss an ein möglicherweise aufreibendes und im Resultat eventuell unerfreuliches Gespräch über die Bewertung der Leistung des oder der Mitarbeitenden, noch über ausreichend Energie verfügen, um konzentriert und fokussiert über andere, aber mindestens ebenso bedeutsame Themen zu sprechen.

In den allermeisten Fällen ist es schlicht nicht möglich, alle drei Themen unter einen Hut zu bringen. Sicher, es mag Fälle geben, in denen es möglich ist, alle drei in einem Aufwasch zu erledigen, aber warum sollte man das wollen? Geht es denn wirklich um Erledigung? Oder besteht in diesen Gesprächen nicht eine Chance für Mitarbeitende und Führungskräftem, Themen zu besprechen, sie konzentriert und fokussiert zu diskutieren, die man nicht dadurch abschwächen sollte, dass man der Ehrgeiz hat, alles auf einmal zu adressieren.

Eine Trennung der Themen ist also schon einmal eine gute Idee. Drei Gespräche also.

Und wenn wir schon einmal dabei sind, lässt sich durchaus auch die Frage stellen, ob es – im Hinblick auf beide Themen – eigentlich mit je einem Gespräch pro Jahr getan sein kann. Die Antwort liegt auf der Hand: Nö, kann es nicht. Auf gar keine Fall. Unmöglich.

Wenn derlei Themen nur und ausschließlich einmal pro Jahr im Rahmen eines verordneten Mitarbeitergesprächs adressiert werden, kann man sich das Adressieren getrost auch gleich schenken. Es bleibt also gar nichts anderes übrig als zum Äußersten zu greifen, und tatsächlich auch sonst unterm Jahr mal und durchaus auch etwas ausführlicher mit Mitarbeitenden zu reden.

Lassen Sie sich nicht von meiner Flapsigkeit irritieren. Die hat vor allem damit zu tun, dass ich in meinen mittlerweile doch etlichen Jahren als Trainer und Berater auf eine befremdlich große Menge an Führungskräften gestoßen bin, die es offenbar tatsächlich für irgendwie unanständig zu halten scheinen, mit ihren Mitarbeitenden in einen echten Dialog einzutreten.

Und auch in manchen Führungsgremien scheint man Mitarbeitergespräche, scheint man den angesprochenen kontinuierlichen Dialog zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden für “nice to have”, wenn nicht gleich gar für einen bedauerlich unvermeidbaren Ausdruck grassierender politischer Korrektheit zu halten. Das ist schade. Leben wir denn wirklich immer noch in einer Welt, in der besserwissende Führungskräfte ahnunglosen und leistungsunwilligen Mitarbeitenden per Befehlsausgabe mitteilen, wo’s bitteschön langzugehen hat?

Anregung für’s Wochenende: Lassen Sie mal die Mitarbeitergespräche, die Sie selbst erleben haben (als Führungskraft oder als Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin), Revue passieren. Fragen Sie sich, in wie vielen Fällen aus Ihrer Sicht ein echter Dialog stattfand.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

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