Briefe an das Patenkind: Kunst

Liebe Franziska,

was ist eigentlich Kunst, fragst Du liebes Patenkind, und stehst mit dieser Frage nicht alleine. Ist das – natürlich auf allgemeine Hochbegabung hinweisende – Geschmiere von Klein-Kevin schon Kunst? Oder ist Klein-Kevin vielleicht doch eher ein fetter kleiner Schreihals ohne Manieren und außerdem minderbegabt? Darf man Fettecken einfach aufwischen, wenn sie sich nicht in der Küche, sondern im Museum finden?

Ein guter Freund beantwortete die Frage einmal sehr schlicht: „Vor dem 20. Jahrhundert ist’s Kunst, wenn nackige Weiber (oder Männer) drin sind. Danach ist’s Kunst, wenn ich’s nicht verstehe.“ Das klingt handhabbar, erweist sich aber zügig als problematisch. Selbst wenn man die Forderung nach nackigen Weibern oder Typen zur allergrößten Not und unter erheblichen spirituellen Bedenken für Kreuzigungsszenen noch gelten lassen mag, hört’s doch spätestens bei Heiligendarstellungen auf. Die sind in der Regel ja doch eher bekleidet. Wofür man dankbar sein muss. Solchen Werken den Kunstcharakter abzusprechen, geht aber natürlich nicht. Besagter Freund bemerkte denn auch ebenso treffend wie ergänzend: „Wenn Kunst drauf steht, ist natürlich immer Kunst drin.“

Joseph Beuys fand ja ganz generell, dass recht eigentlich alles irgendwie Kunst sei, was mich aber im Hinblick auf – sagen wir mal – den Inhalt meiner Sockenschublade letztlich auch stutzig macht. Freilich könnte man einwenden, der Inhalt besagter Schublade sei alles andere als unverständlich, weshalb diese also auch nicht unter Kunsterdacht stehen könne. Was aber ist dann mit Marcel Duchamps’ Urinal? Was genau gibt es an so einem Ding nicht zu verstehen? Aber auch da steht nun einmal Kunst drauf. Obwohl ich’s verstehe und weit und breit keine Weiber (nackig) in Sicht sind (leider).

Wer schreibt denn eigentlich Kunst auf Kunst drauf und macht so beispielsweise den Inhalt meiner Sockenschublade zum altersabsichernden Investitionsobjekt (was freilich bedauerlicherweise bisher nicht passiert ist)? Nun, das tun Großkritiker. Die kommen vermutlich schon als Großkritiker auf die Welt und haben bereits als Kleinkinder versucht, das optische Raumkontinuum zu verorten und die Bildungsinsel als ambivalente Angelegenheit zu irgendwas in Beziehung zu setzen. Oder so. Solch angestrengtes-schwurbeliges Geschreibsel ist freilich – weil eher unverständlich – per definitionem schon selbst wieder kunstverdächtig. Ist also unverständliches Schreiben über Kunst auch Kunst? Vielleicht Kunst-Kunst? Oder doch eher dämlich (wie Klein-Kevins Geschmiere)?

Man weiß es nicht. Und während ich den Satz, dass Kunst von Können komme, für markerschütternd bescheuert halte, komme ich doch gleichzeitig auch nicht umhin, so manchem, der vor einem moderneren Kunstwerk stehend blökt, das bissl Gekleckse könne er auch, ein mitleidig-rügendes „Kannst Du eben nicht“ ins Ohr zu flüstern.

Am Ende, liebes musengeküsstes Patenkind, bleibt zwischen aufgeregtem Marketinggeplärre, angestrengt-feingeistigem Diskurs und dumpf-auftrumpfenden Das-kann-ich-auch-Phantasien aber doch noch etwas übrig. Immer mal wieder und nicht immer dort, wo man’s erwartet. Etwas, das anrührt. Vielleicht nur: irgendwie anrührt. Kaum verstanden, nur halb geahnt; keinem Verwertungszweck dienend und doch immer benötigt. Aber da ist es. Du musst nur hinsehen. Das meint

Dein hingebungsvoll dilettierender Patenonkel.

 

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