Briefe an das Patenkind: Konfliktgespräche

Liebe Franziska,

eine schwierige Botschaft musst Du überbringen. Jemandem, der sie vermutlich nicht hören will. Du aber fühlst, dass Du nicht umhin kommst anzusprechen, was Dich stört und kränkt. Und so haderst Du: Sollst Du still leiden oder ihn konfrontieren und riskieren, dass Deine Ansprache Eure Freundschaft belastet. Wie man so was am besten macht, fragst Du. Welches Vorgehen könnte helfen? Strikte Sachlichkeit möglicherweise?

Letzteres, liebes Kind, vergiss bitte gleich wieder. Die ganze Angelegenheit ist problematisch, weil es eben um mehr geht als um Sachliches: Nämlich um Deine Gefühle. Sonst wär’s ja nicht problematisch. Also müssen Gefühle auch angesprochen werden. Alles andere wäre als würde man ein Musikvideo ansehen ohne die Musik zu hören. Man kriegt zwar mit, um was es geht, aber das Wesentliche entgeht einem.

Ich fürchte allerdings, dass Du schon mit deiner grundsätzlichen Frage auf dem Holzweg bist. Eine schwierige Botschaft hat ein kluger Mensch mal mit einer Handgranate verglichen und darauf hingewiesen, dass es so etwas wie eine diplomatische Handgranate nun einmal nicht gäbe. Du kannst sie überzuckern, sie auch in rosa Plüsch einpacken und ganz besonders vorsichtig werfen – am Ende gibt es dennoch einen lauten Knall und die entsprechenden Folgeschäden.

Sie in der Hand zu behalten nachdem der Sicherheitsstift schon gezogen ist, ist indes auch eher nicht zielführend.

Das Problem beginnt schon im Ansatz: Du möchtest eine schwierige Botschaft überbringen. Nicht etwa ein Gespräch führen. Eine Botschaft überbringt, wer sich der Faktenlage gewiss ist. Fast immer, jedoch, ist die so eindeutig gar nicht.

Die interessante Frage lautet: Woher genau weißt Du die Fakten eigentlich? In den Kopf des Anderen wirst Du nicht geguckt haben. Wie aber sonst kannst Du seine Gedanken, Motive und Gefühle kennen?

Ein Konfliktgespräch zu führen, heißt zunächst, die Gedanken, Motive und Gefühle des Gegenübers zu erkunden bevor man markige Aussagen in die Gegend schmettert oder übervorsichtig in sprachliche Weichmacher bettet. Heißt auch, sich bewusst zu sein, dass der Andere über sein Innenleben besser Bescheid weiß. Kompetent Auskunft geben kannst Du nur über Dein eigenes.

Wenn Du lediglich eine Botschaft überbringst, versäumst Du die Chance etwas über den anderen zu lernen. Ihn besser zu verstehen. Möglicherweise auch zu erkennen, dass der Andere gute oder zumindest nachvollziehbare Gründe für sein Handeln hatte. Du haust ihm einfach eine Keule über die Rübe und hoffst tapfer, dass er Dir das schon nicht so übel nehmen wird. Was aber wenig wahrscheinlich ist. Viel eher wird er mehr oder minder verstohlen seinerseits nach einem Schlaginstrument tasten.

Gib Dir und dem Anderen die Chance herauszufinden, dass Euer Konflikt möglicherweise auf einem Missverständnis beruht oder jedenfalls ohne Ärger aus der Welt geschafft werden kann. Und steck die Keule weg, meint

Dein konflikterprobter Patenonkel.

 

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