Der WORTFOLIO Blog: Komplexität

Die Welt ist – Achtung! Binsenweisheit! – reichlich komplex. Weiß jeder. Nicht erst seit seit General McChrystal 2010 reichlich fassungslos der Öffentlichkeit folgende Grafik präsentierte:

Afghanistan StabilityCOIN Dynamics – Security
Grafik des US-Militärs zur Situation in Afghanistan im Frühjahr 2010

Ja, das sieht wirklich irgendwie reichlich komplex aus. Offenbar wurde hier versucht, sämtliche Variablen, die für die Sicherheitssituation Afghanistan relevant sind / waren sowie ihre Bezüge untereinander darzustellen. Da hat sich jemand echt Arbeit gemacht.

Über diese Arbeit ist viel geschrieben worden. Viel abwertendes. Und sie lädt ja auch dazu ein: Wer soll das denn verstehen? Was soll man damit anfangen?

Nur: Es ist leicht spotten, wenn Menschen ernsthaft versuchen, komplexe Probleme übersichtlich darzustellen. Weil das nämlich eigentlich nicht geht. Jedenfalls nicht, ohne dem Problem das zu nehmen, was es ausmacht.

Wenn wir mal setzten, dass Menschen Dinge eher nicht – oder jedenfalls nicht so oft wie wir behaupten – aus Dummheit, Böswilligkeit oder Verrücktheit tun, sondern Gründe für ihr Handeln haben, dann könnte es sich lohnen, Komplexität einmal etwas genauer zu betrachten. Wenn wir besser verstehen, was Komplexität eigentlich ist, verstehen wir vielleicht auch besser, was den Umgang damit so schwer macht und Menschen dazu treibt, unverständliche Grafiken zu erstellen, die ihnen Hohn und Spott der Öffentlichkeit einbringen.

Was macht Probleme zu komplexen Problemen?

(1) Umfang: Klar. Komplexe Probleme sind eher umfänglich, d.h. eine Vielzahl von Variablen ist involviert.

(2) Vernetztheit: Diese Variablen stehen untereinander in Beziehung, d.h. sie beeinflussen sich gegenseitig.

(3) Intransparenz: Zu allem Überfluss sind nicht alle relevanten Variablen oder ihre Bezüge untereinander sichtbar, d.h. es ist immer davon auszugehen, dass wesentliche Aspekte des Problems nicht erkannt wurden und möglicherweise auch gar nicht erkennbar sind.

(4) Eigendynamik: Und weil’s sonst langweilig wäre, zeichnen sich komplexe Probleme zusätzlich dadurch aus, dass sie sich auch von ganz alleine, ohne Intervention von außen verändern. Und zwar in nicht vorhersagbarer Weise.

(5) Zielvielfalt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter überraschend, dass Ziele in komplexen Situationen typischerweise vielfältig und nicht selten auch wechselseitig ausschließend sind – was das Leben nun auch nicht gerade einfacher macht..

Das alles kann einem bekannt vorkommen. Natürlich, denn ganz eigentlich haben wir gerade die wesentlicher Merkmale lebender Systeme beschrieben. Wenn wir daraufhin mal schauen, was Systemtheoretiker so denken und gedacht haben, dann fällt ein weiteres Merkmal auf, dass sich logisch aus den Genannten ergibt und ohne weiteres auf komplexe Probleme übertragbar ist: Lebende Systeme sind ebenso wie komplexe Probleme (6) nicht determinierbar, d.h. es ist nicht möglich, vorherzusagen, wie genau sich eine Intervention von außen auf das System auswirkt, allenfalls sind Wahrscheinlichkeiten formulierbar.

Wenn wir das alles ernst nehmen, stellen wir zügig fest, dass wir von Komplexität umstellt sind: Fußballspiele sind dann ebenso komplex wie Organisationen und Organisationsreformen; die Griechenland-Krise springt ins Auge ebenso wie die menschliche Psyche. Und noch etwas fällt auf: All die genannten Beispiele zeichnen sich dadurch aus, dass es in der Regel eine befremdliche große Anzahl an Menschen gibt, die eben diese Komplexität vollkommen ignorieren und alles ganz einfach finden.

Warum neigen wir alles so sehr dazu, Komplexität zu ignorieren und simpel gestrickten Lösungsbehauptungen hinterherzurennen? Wider besseren Wissens oder wenigstens der Möglichkeit besseren Wissens? Die Antwort auf dieses Frage hat sicherlich vielerlei Facetten, aber eine davon scheint mir zu sein, dass unser kognitiver Apparat schlicht nicht dafür gemacht ist, Komplexität zu verarbeiten. Gelegentlich, ja, das schon. Bis zu einem gewissen Grad. Aber ständig? Eher nicht. Unser kognitiver Apparat ist auf Effizienz ausgelegt: Möglichst wenig Aufwand für möglichst viel Ergebnis. Risiken werden lieber über den Daumen gepeilt statt aufwändig analysiert. Komplexität ist da eher hinderlich und lädt eher zu passivem Verhalten ein.

Und daraus ergibt sich ein Weiteres: Wir alle tendieren sehr dazu, Komplexität ausschließlich oder wenigstens vorrangig auf der inhaltlichen Ebene zu betrachten und dort nach Lösungen zu suchen. Und wundern uns dann, dass das so häufig schief geht. Aber dort, wo Komplexität im Spiel ist, geht es nicht nur um die inhaltliche Ebene, sondern immer auch um …

soziale Aspekte: Wo Komplexität ist, sind Menschen. Menschen, die die Komplexität überhaupt erst erzeugen oder aber Menschen, die mit der Komplexität umgehen müssen. Und diese Menschen sind eben nicht – wie Wirtschaftstheoretiker es so gerne hätten – rationale Wesen, die sich nur und ausschließlich von inhaltliche, rationalen Überlegungen leiten lassen.

Emotionen: Nicht zuletzt dann, wenn Komplexität – wie so häufig – Überforderung oder Ängste weckt, merken wir, dass wir nicht nur Denkapparate, sondern einen erheblichen Teil der uns zur Verfügung stehenden Energie in emotionale Prozesse investieren.

Eine grafische Repräsentation der wesentlichen Merkmale komplexer Probleme und der Ebenen, auf denen sich Komplexität abspielt bzw. auf denen Komplexität begegnet wird, könnte dann so aussehen:

Komplexität

Merkmale und Ebenen komplexer Probleme

Was lernt uns das, wie meine frühere Chefin zu sagen pflegte? Oder anders gefragt: Was haben wir davon?

Na ja, zunächst einmal, können wir getrost achselzuckend all die Schreihälse und Besserwisser ignorieren, die uns entweder Patentlösungen für etwas verkaufen wollen, das per definitionem Patentlösungen nicht zugänglich ist, oder die hinterher ganz genau wissen, was man vorher hätte machen müssen.

Und als nächstes würde ich es gerade in Bezug auf Veränderungsprojekte in Organisationen für eine gute Idee halten, uns klar zu machen, dass wir im Großen und Ganzen auf der inhaltlichen Ebene schon ganz gut unterwegs sind. Veränderungsprojekte pflegen in der Regel nicht daran zu scheitern, dass jemand nicht genug nachgedacht oder zu wenig geplant hat. Sie scheitern, weil zumeist sowohl die soziale als auch die emotionale Ebene ausgeblendet werden. Hier liegt aus meiner Sicht ein ungeheures Potential für Verbesserung: Komplexe Probleme auch auf der sozialen und der emotionalen Ebene zu betrachten und Prozesse und Lösungen daraufhin zu untersuchen, ob sie diese Ebene adressieren. Und die Idee über Bord zu werfen, komplexe Probleme seien durch einmalige, tapfere Anstrengung zu lösen. Auch hier gilt: Lieber im Gehen lernen.

Anregung für’s Wochenende: Komplexität bewusst wahrnehmen und dem nachspüren, was bewusstes Zur-Kenntnis-Nehmen von Komplexität insbesondere an Emotionen auslöst.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

 

 

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2 Kommentare

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  1. Maria sagt:

    Ich glaube nicht, dass die Menschen die Komplexität ignorieren. Sie erkennen sie, doch sie versuchen, die komplexen Probleme mit den falschen Werkzeugen zu bearbeiten.
    Sie nehmen Werkzeuge, die für komplizierte Probleme geeignet sind und nicht für komplexe. Das funktioniert nicht und vergrößert den Stress.

    1. Christoph Frey sagt:

      Liebe Maria, danke für Ihren Kommentar. Ich bin freilich skeptisch: Gerade die aktuellen Debatten um Flüchtlinge, Islam und Bekleidungsverbote sind doch geradezu davon geprägt, dass Komplexität aktiv und explizit geleugnet wird. Alles ist angeblich ganz eindeutig und zudem ganz einfach und mit einigen wenigen klaren Maßnahmen (z.B. dem Verbot bestimmter Kleidungsstücke oder dem “Dichtmachen” von Grenzen etc.) zu lösen.

      Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob diejenigen, die solch simple Lösungen für komplexe Probleme vorschlagen, sich tatsächlich der Komplexität dieser Probleme (und damit der Absurdität ihrer Vorschläge) nicht bewusst sind oder diese aktiv und bewusst ignorieren. Die Verläufe der einschlägigen Debatten weisen aber aus meiner Sicht darauf hin, dass viele Menschen tatsächlich glauben, dass diese simplen Lösungen funktionieren können oder anders gesagt: dass ihnen nicht bewusst ist, wie komplex die Themen, die sie adressieren, sind.

      Ihnen noch einen schönen Abend!

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