Briefe an das Patenkind: Komplexität

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  Liebe Franziska,

279 Wörter, so hast Du irgendwo gelesen, umfassten die 10 Gebote; die EU-Verordnung über den Import von Karamell-Bonbons hingegen zähle stolze 25.911 Wörter. Das gibt Dir zu denken.

Der Befehl übrigens, mit dem Göring Heydrich zur sogenannten Endlösung der Judenfrage beauftragte, umfasste sogar nur 88 Wörter.

Natürlich ist das polemisch. Das Unbehagen, das in dem von Dir zitierten Satz zum Ausdruck kommt – auch wenn er so nicht stimmt, denn es hat diese Verordnung über Karamellbonbons tatsächlich gar nie gegeben – dieses Unbehagen teile ich wohl. Ich will aber etwas zu bedenken geben:

Wo nur eine Handvoll Menschen zusammen lebt, ist die Regelung des Zusammenlebens recht einfach. Die Steinzeit war so betrachtet geradezu ein Paradies: keine Gesetze, keine Verordnungen, keine Ausführungsbestimmungen. Nur ein paar Regeln und rügende Keulenhiebe für Regelübertreter. Wir aber reden in Deutschland alleine von etwa 80 Millionen. Und in Europa von ein paar hundert Millionen. Die alle irgendwie Recht zu haben glauben, Gerechtigkeit fordern und der Meinung sind, dass gerade sie und ihr Fall besonders sind, einmalig und natürlich von höchster Priorität und Bedeutsamkeit. Wenn nicht für das Leben auf diesem Planeten, so doch zumindest für den Fortbestand des Abendlandes. Ein paar wenige Regeln reichen da nicht mehr und rügende Keulenhiebe sind zu recht außer Mode geraten.

Dass das Zusammenleben so vieler Menschen schwierig ist und komplex, ist eine Binse. Aber eine bedeutsame. Unser Wahrnehmungsapparat ist ja gar nicht dafür ausgestattet, die Wirklichkeit vollständig erfassen. Schon unsere Sinnesorgane nehmen überhaupt nur einen Ausschnitt auf. Große Teile (etwa der Infrarot- oder der Ultraschallbereich) werden von vornherein ausgeklammert. Unser Hirn schließlich, das die Wahrnehmungen der Sinnesorgane organisiert und verarbeitet, blendet weitere Teile des ungeheuren Wahrnehmungsangebots aus und lässt sie gar nicht erst ins Bewusstsein gelangen. Oder anders ausgedrückt: es vereinfacht. Anders könnten wir gar nicht existieren.

Regeln des Zusammenlebens tun nichts anderes. Statt die Wirklichkeit in ihrer Komplexität abzubilden, reduzieren sie sie auf ein handhabbares Maß. Daraus ergeben sich indes Probleme: So stoßen wir immer wieder auf Situationen, für die es einfach keine Regeln gibt, für die die Verfügbaren nicht passen oder für die mehrere einander widersprechende Regeln existieren. Dann müssen Neue oder Detailliertere her. Und so erreicht schließlich die Menge an Regeln in vielen Bereichen einen Komplexitätsgrad, der uns schon wieder überfordert.

Da liegt es nahe, sich nach der Einfachheit der Steinzeit zurückzusehnen. Hüte Dich indes, liebes Kind, vor den Vereinfachern, die behaupten, alles sei ganz ungeheuer simpel und schon der angeblich gesunde Menschenverstand diktiere Dieses oder Jenes. Derlei taugt zumeist eher für den Stammtisch und die denkfähigkeits-vermindernde Geborgenheit großer Menschenmengen.

Am Ende gibt es für den Umgang mit Regeln keine einfache Regel. Manchmal sind sie hilfreich, manchmal nicht. Und immer wieder bleibt uns nichts anderes übrig, als eine Situation eben doch genauer zu betrachten und den – freilich in letzter Konsequenz aussichtslosen – Versuch zu unternehmen, sie zu verstehen. Das ist ein Grunddilemma des Menschen, aber sicherlich wenigstens bis zu einem gewissen Grad mit dafür verantwortlich, dass wir es als Gattung soweit gebracht haben – wie auch immer man diesen Fortschritt bewerten mag.

Dein überaus komplexer Patenonkel.

 

© 2009, 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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