Der WORTFOLIO Blog: Odysseus und die Lust an der Erfahrung

Nenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten, der vielfach
Wurde verschlagen, seit Trojas heilige Burg er zerstörte.
Vieler Menschen Siedlungen sah er und lernte ihr Wesen
Kennen und litt auf dem Meer viel Schmerzen in seinem Gemüte,
Um sein Leben bemüht und die Heimkehr seiner Gefährten.
(Übersetzung von Roland Hampe)

Vor einiger Zeit ging es an dieser Stelle um Dinge, die man (und frau) von einem Westerhelden lernen kann. Diesmal wird’s etwas klassischer. Der Mann, der vielgewandte, um den es in obigem Zitat geht, ist natürlich Odysseus. Der mit dem hölzernen Pferd. Darum soll’s aber nicht gehen.

Zunächst mal ist Odysseus ganz und gar unwillig, in den Krieg zu ziehen, den Agamemnon und Menelaos unbedingt führen wollen. Was ihn ja schon mal sympathisch macht. Dann ist er es, der ihn schließlich beendet. Guter Mann.

Nun, da der Krieg endlich zu Ende ist, will er eigentlich nur noch heim. Weil aber einige Götter einen Hals haben auf ihn, gestaltet sich die Heimfahrt etwas schwierig und dauert etwas länger als geplant. Zehn Jahre um genau zu sein. In denen reichlich viel und überwiegend Unerfreuliches passiert.

Odysseus wäre aber nicht Odysseus, wenn seine Heimfahrt sich auf auf tapferes Erleiden unverschuldeter Misslichkeiten beschränkte. Er ist eben nicht nur der große “Dulder”, sondern eben auch “polymetis” und vor allem “polymechanos, d.h. vielerfahren oder vielwissend und listenreich.

Und, könnte man hinzufügen, neugierig wie eine junge Katze. Das zeigt sich als er mit seinem Schiff an den Sirenen vorbei muss: Die können zwar weltbewegend schön singen, sind aber ansonsten eher unerfreuliche Zeitgenossinnen:

Erstlich erreichet dein Schiff die Sirenen; diese bezaubern
Alle sterblichen Menschen, wer ihre Wohnung berühret
Welcher mit törichtem Herzen hinanfährt und der Sirenen
Stimme lauscht, dem wird zu Hause nimmer die Gattin
Und unmündige Kinder mit freudigem Gruße begegnen;
Denn es bezaubert ihn der helle Gesang der Sirenen,
Die auf der Wiese sitzen, von aufgehäuftem Gebeine
Modernder Menschen umringt und ausgetrockneten Häuten.
(Übersetzung: Johann Heinrich Voß)

Hört sich eher nicht so an als wollte man denen so einfach mal begegnen. Ein vorsichtiger, vernünftiger, rational denkender Mensch vermeidet derlei. So einfach ist das.

Odysseus ist zwar klug, aber eben auch sehr, sehr neugierig. Er will wissen. Er will erfahren. Nicht einfach glauben, was andere erzählen. Und er glaubt offenbar, dass man aus Erfahrungen etwas lernt – auch dann, wenn Sie gefährlich sind. Also lässt er seine Männer die Ohren mit Wachs verstopfen, sich selbst an den Mast binden und auf geht’s. Und so ist Odysseus der einzige Sterbliche, der je den Gesang der Sirenen gehört hat und davon berichten kann.


Ich finde, man kann viel lernen von Odysseus. Er lässt sich nicht abschrecken von Gefahren. Aber ist eben auch klug genug, sich selbst und die Seinen zu schützen. Und tut damit genau das, was allen Menschen zu wünschen ist, die sich selbst weiterentwickeln, die wachsen wollen: Geh da hin, wo neue Erfahrung und damit Weiterentwicklung möglich ist und sorge gleichzeitig für dich und dein Wohlergehen. Sei mutig, aber nicht dämlich. Und vor allem: Folge Deinem Impuls, der dir sagt, wo’s spannend wird. Entwickle nicht weiter, was Du eh schon kannst und kennst, sondern geh da hin, wo Du noch nicht warst.


Alfred, Lord Tennyson, hat das in seinem Gedicht “Ulysses” sehr viel schöner und poetischer ausgedrückt, als ich es je vermochte:

Come, my friends.
‘T is not too late to seek a newer world.
Push off, and sitting well in order smite
The sounding furrows; for my purpose holds
To sail beyond the sunset, and the baths
Of all the western stars, until I die.
It may be that the gulfs will wash us down;
It may be we shall touch the Happy Isles,
And see the great Achilles, whom we knew.
Tho’ much is taken, much abides; and tho’
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are,–
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Anregung für’s Wochenende: Da hingehen, wo Sie noch nicht waren. Lustvoll, neugierig und mit der nötigen Vorsicht.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

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