Der WORTFOLIO Blog: Fehlerkultur. Über das Waten in Blut und das Reiten toter Pferde

Ich bin einmal so tief in Blut gewatet, dass, wollt’ ich im Waten stillesteh’n, Rückkehr so schwierig wär’s als ganz durchzugeh’n. (Shakespeare, Macbeth, Akt III, Szene 4)

So isser, der Massenmörder: Weil er jetzt eh schon so viele umgebracht hat, kann er auch gleich weiter seine Umgebung entvölkern. Was soll’s. Ist eh schon um’s Eck. Eine gewisse Beharrlichkeit im Verfolgen des einmal eingeschlagenen Weges wird man ihm nicht absprechen können, dem hexengetriebenen schottischen König.

So ähnlich wie Macbeth denken tatsächlich viele Massenmörder. Und dabei könnten wir’s bewenden lassen, denn schließlich geht es in diesem Blog nicht um Massenmord.

Wenn, ja, wenn einem diese verdrehte Logik nicht irgendwie gespenstisch bekannt vorkäme. Ersetzen wir das Blut einmal ganz allgemein durch Übeltaten, Unterlassungen, Fehlverhalten. Oder machen wir’s noch kleiner: Durch Projekte, die man verantwortet und bei denen sich deutlich abzeichnet, dass sie nicht die Ergebnisse zeitigen werden, die sie ursprünglich mal zeitigen sollten.

Jetzt hab ich mal damit angefangen, diesen Weg zu gehen, jetzt geh ich ihn auch zu Ende. Ganz egal, wie klar ist, dass er falsch ist / nichts bringt / alles nur noch schlimmer macht.

Nibelungenhaft kommt mir das vor. Und sehr, sehr deutsch, obwohl sich kaum bestreiten lässt, dass sich die angesprochene Logik so ungefähr überall auf der Welt großer Beliebtheit erfreut.


Dabei sagt ein indianisches Sprichwort:

Wenn man ein totes Pferd reitet, ist es Zeit abzusteigen.

In zeitgenössischen Organisationen freilich finden sich auch ganz andere, interessante Möglichkeiten mit der betrüblichen Tatsache des Ablebens des Reittiers umzugehen. Diese beinhalten:

  • Darauf beharren, dass das Pferd in Wirklichkeit nicht tot ist und alle, die etwas anderes behaupten, Querulanten sind;
  • Berater anheuern, die Wege aufzeigen sollen, tote Pferde zu reiten;
  • Trainings anbieten, die die Fähigkeit, tote Pferde zu reiten verbessern;
  • Eine Task Force einsetzen, um das tote Pferd zu untersuchen und Möglichkeiten seiner Wiederbelebung zu entwickeln;
  • Schuldige identifizieren und summarisch bestrafen;
  • Den Kadaver weiter herumliegen lassen und so tun als existiere er gar nicht.

Der geneigte Leser respektive die geneigte Leserin werden unschwer weitere interessante Strategien im Umgang mit toten Pferden aus ihrer eigenen Erfahrung beisteuern können.


Man könnte freilich auch etwas anderes machen. Man könnte – nur mal so als Beispiel – das Ableben des Pferdes tatsächlich interessant finden und versuchen, daraus zu lernen. Das setzt freilich eine Fehlerkultur voraus, die den Namen auch verdient.

Unabhängig davon, was schlaue Berater oder Bestsellerautoren bezüglich Fehlerkultur so behaupten, könnte man ja mal schauen, ob es in der Praxis nicht Beispiele gibt, von denen man lernen kann. Man könnte sich z.B. fragen, warum so bemerkenswert wenige Flugzeuge vom Himmel fallen. Tatsächlich ist Fliegen objektiv weitaus sicherer als beispielsweise Autofahren.

Bei der Betrachtung fallen drei Dinge ins Auge:

  1. Die Konsequenzen eines fatalen Fehlers betreffen bei Flugzeugen immer auch die Fehlerverursacher. Das fügt dem Bemühen der Verantwortlichen eine sicherlich gesunde Portion Eigeninteresse bezüglich der Qualität des eigenen Handelns hinzu.
  2. In Flugzeugen werden einfache Hilfsmittel ebenso konsequent wie systematisch angewendet. Damit sind vor allem Checklisten gemeint – ein bestechend einfaches Instrument, das, wie der US-amerikanische Chirurg Atul Gawande argumentiert, nicht nur in der Luftfahrt täglich Leben rettet.
  3. In der Luftfahrtbranche wird man üblicherweise dann bestraft, wenn man Fehler nicht meldet. Ein gemeldeter Fehler zieht üblicherweise keine Strafe nach sich. Nur wenn Fehler gemeldet und nicht schöngeredet werden, besteht schließlich die Chance, sie zu analysieren und aus ihnen zu lernen. Sodass andere vielleicht nicht denselben Fehler machen. In befremdlich vielen anderen Organisationen wird stattdessen die meiste Energie darein investiert, Schuldige zu identifizieren und zu bestrafen. Mit der vorhersehbaren Folge, dass Verantwortung typischerweise so weit wie möglich abgewälzt und Fehler soweit als möglich vertuscht werden.

Der Umgang mit Fehlern liefert einen tiefen Einblick in die Kultur einer Organisation: Was genau passiert, wenn jemand einen Fehler macht? Welches konkrete Verhalten wird – unabhängig von vollmundigen Erklärungen in Wertekatalogen – belohnt? Welches bestraft?

Wenn ich weiß, dass ich Probleme kriege, wenn ich zugebe, dass das Pferd jetzt leider tot ist und weiterreiten irgendwie keinen Sinn hat, dann fühle ich mich sehr eingeladen, möglichst lange auf der Quicklebendigkeit besagten Pferdes zu beharren. Wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt, sein Ableben anzuerkennen, werde ich nach Schuldigen suchen. Zu keiner Zeit werde ich mich dafür verantwortlich fühlen, ob das Pferd lebt oder kränkelt. Und ich werde einen Teufel tun, meine Vorgesetzten darauf aufmerksam zu machen, dass es dem Pferd irgendwie nicht gut geht.

Beharrlichkeit ist etwas Gutes. Indes beharrlich zu sein, obwohl klar ist, dass der eingeschlagene Weg falsch ist, ist nicht anerkennenswert, sondern dämlich. Man kann beharrlich sein und dabei immer wieder kritisch überprüfen, ob der eingeschlagene Weg so eigentlich richtig ist; man darf angelegentlich im Lichte neuer Erkenntnisse gegebenenfalls den Kurs korrigieren.

Eine Fehlerkultur, die das Lernen aus begangenen Fehlern begünstigt statt verhindert, ist eine Kultur, die im Gehen lernt. Die sich nicht einbildet, man könne komplexe Sachverhalte ein für allemal erschöpfend beschreiben und entsprechende Pläne aufsetzen, die man dann “nur noch umsetzen” muss.

Anregung für’s Wochenende: Gehen Sie mal der Frage hinterher, wie Sie ganz persönlich mit Fehlern umgehen. Was ist Ihr erster Impuls? Scham? Verstecken? Leugnen? Abwälzen? Finden Sie eigene Fehler wenigstens im nachhinein spannend und lehrreich?
Herzlich

Ihr
Christoph Frey

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

 

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