Der WORTFOLIO-Blog: Erfahrung

“Nullus sermo in his potest certificare; totum enim dependet ab experientia.” (Roger Bacon)

Keine Aussage kann [für sich genommen] etwas beweisen; alles hängt nämlich von der Erfahrung ab.

Roger Bacon ist einer meiner Helden. In einer Zeit, in der Wissenschaft sich fast ausschließlich daran orientierte, was irgendeine Autorität irgendwann einmal über einen Gegenstand gesagt hatte, kam er auf die Idee, dass das irgendwie nicht so recht reicht: Was beweist denn schon ein Satz (auch wenn er von einer Autorität kommt)? Richtig. Nix.

Von der Erfahrung hängt alles ab und so ist Bacon einer der Väter der modernen Wissenschaft. Oder jedenfalls ihrer empirisch orientierten Variante und hat sich seinen Titel „Doctor mirabilis“ redlich verdient.

Ein anderer, der einen ganz ähnlichen, allerdings noch deutlich enthusiastischeren Ehrentitel bekam, war Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen. Der war offenbar so genervt von all dem Hörensagen, das über seine Leidenschaft – die Jagd mit Vögeln – verbreitet wurde, dass er lieber gleich selbst ein Buch dazu schrieb. Und das folgte demselben Prinzip, das Bacon etwa um dieselbe Zeit formuliert hatte. Statt zu gucken, was Aristoteles oder andere Geistesriesen über die Vogelbeize geschrieben hatten, verließ Friedrich sich lieber auf seine eigenen Beobachtungen, formulierte Hypothesen, prüfte, verwarf, formulierte neu, bis er der Meinung war, alles Wesentliche zusammengetragen zu haben. Muss ihm wohl geglückt sein, das Buch galt jahrhundertelang als Standardwerk.


Bacon und der zweite Friedrich haben also recht. Auf die Erfahrung kommt es an und auf nichts sonst.

Na ja.

Aber ist denn alles, was wir angeblich wissen, tatsächlich erfahrungsbasiert? Was können wir überhaupt wissen? Und was glauben wir nur zu wissen? Geht man dem mal hinterher, stellt sich zügig heraus, dass wir eine ganze Reihe von Dingen zu wissen glauben, weil sie irgendwie plausibel sind, weil jemand gesagt hat, dass es so ist oder weil’s einfach so kommod in unser Weltbild passt.

Tatsächlich wissen wir recht wenig. Funktionieren scheint’s im Großen und Ganzen trotzdem. Das ist irritierend. Erst recht in einer „Wissensgesellschaft“


Anregung für’s Wochenende: überprüfen Sie mal, wie oft Sie Dinge zu wissen glauben, die Sie streng genommen gar nicht wissen, sondern glauben. Und gehen Sie wertschätzend mit sich um, wenn Sie merken, dass das häufiger der Fall ist als Sie sich wünschen würden.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

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