Der WORTFOLIO Blog: Persönliche Weiterentwicklung und Karate. Entwicklungsmaßnahmen in der Praxis

Ich habe mir ein neues persönliches Entwicklungsziel gesetzt: nach 20 Jahren Pause möchte ich wieder ins Karate-Training einsteigen. Nahziel ist es, die Fähigkeiten wieder zu erlangen, die zu meinem letzten erreichten Grad (7. Kyu) gehören. Fernziel ist das Erreichen mindestens des 3. Kyu. Gleichzeitig möchte ich meine in letzter Zeit arg darniederliegende körperliche Fitness steigern und damit erreichen, die Auswirkungen einiger alters- und trägheitsbedingter Erscheinungen, die mich beruflich und privat einschränken, zu verringern.

Genauso gut könnte ich – wenn es hier tatsächlich nicht um meine ganz persönliche und private Entwicklung ginge – beschließen, mein Konfliktverhalten zu verbessern oder meine Presentation Skills. Oder mein Zeitmanagement. Das Thema ist egal.

Meine Entwicklungsaufgabe unterscheidet sich also nicht prinzipiell von Entwicklungsaufgaben, wie wir sie aus den allseits beliebten Mitarbeitergesprächen kennen.

Wenn wir also mal setzen, dass mein Ziel klar ist, meine Motivation mindestens hinreichend, stellt sich die Frage: Was kann ich tun, um mein Ziel zu erreichen?


Eine ganz gute Orientierung bei der Auswahl einschlägiger Entwicklungsmaßnahmen bietet der 4-Schritt:

Ein Teil meiner Aktivitäten kann und sollte sich (1) bei fast jeder Entwicklungsaufgabe darauf richten, Hintergründe oder Theorie zu verstehen. In meinem Fall könnte es hilfreich sein, die japanischen Begriffe, die für die einzelnen Karatetechniken verwendet werden, wieder zu lernen. Ich könnte mich mit der Idee, der Philosophie des Karate auseinandersetzen und mit theoretischen Aspekten körperlicher Fitness oder den medizinischen und physiologischen Hintergründen der Schmerzen, die ich im Rahmen meiner persönlichen Weiterentwicklung zu verringern gedenke.

Verändert habe ich damit noch gar nichts, aber ich habe eine Grundlage gewonnen, auf der ich agieren kann. Möglicherweise habe ich auf diese Weise auch meine Lust auf die Veränderung gesteigert. Erste Schritte bringen ja oft den Stein ins Rollen, erweitern den Horizont, erleichtern es, weitere Möglichkeiten wahrzunehmen.

Im nächsten Schritt könnte ich (2) versuchen, von anderen zu lernen. Menschen beobachten, die ähnliche Herausforderungen bewältigen oder bewältigt haben. Oder nicht bewältigt haben, denn schließlich lernt sich’s auch von Negativ-Beispielen. Mit diesen Menschen reden, von ihren Erfahrungen und Ratschlägen profitieren.

Verändert habe ich bis dahin immer noch nichts, aber ich habe etwas darüber erfahren, wie die Umsetzung der Theorie in die Praxis aussehen kann, wo Fallstricke lauern, was hilfreich ist und was nicht, worauf ich achten sollte usw. Ich habe vielleicht auch gesehen, wie es aussieht, wenn jemand das, was ich erst lernen will, schon kann. Möglicherweise ist das inspirierend, anregend, Klarheit bringend.

Erst im nächsten Schritt geht es (3) um die tatsächliche Umsetzung. Und dabei gilt eine eiserne Regel: Häufig wenig ist besser als selten viel. Noch häufiger ist noch besser.

Es geht darum, sich “niederschwellige Übungsmöglichkeiten zu verschaffen, also solche Übungsmöglichkeiten, die häufig möglich und nicht überfordernd sind und bei denen Scheitern keine gravierenden Konsequenzen hat.

Und schließlich stricke ich mir (4) einen kleinen Prozess rund um meine Vorhaben, d.h. ich sorge dafür, dass ich ausreichend Gelegenheit habe, regelmäßig meine Fort- und Rückschritte zu reflektieren, auf die Signale meines Körpers zu hören, umzusteuern falls etwas nicht funktioniert. Ein Lerntagebuch, in das man regelmäßig ein paar kurze Einträge zur eigenen Entwicklung macht (Eindrücke, Gedanken, Erkenntnisse) kann da sehr hilfreich sein. Auch hier gilt: Oft wenig ist besser als selten viel. Humor hilft auch.


In der Praxis bedeutet das:

  • Ich nehme an einem wöchentlichen, einstündigen Karatetraining für “Menschen 50+” teil, das zudem am Freitagabend stattfindet, was ich zumeist gut in meine Arbeitswoche integrieren kann. Dort lerne ich die Grundlagentechniken neu und trainiere mit Menschen, die mit ähnlichen Herausforderungen körperlicher Art zu kämpfen haben wie ich.
  • Ich laufe zweimal die Woche morgens an meinem Wohnort um’s Karree. Das sind ca. 2 Kilometer, die kriege ich hin und kann danach immer noch arbeiten. Mal sehen, wie lange es dauert, bis das nicht mehr herausfordernd ist.
  • Ich unterhalte mich mit Freunden und Bekannten, die ähnliche Herausforderungen zu meistern haben wie ich und lerne von ihren Ratschlägen, ihre Erzählungen von Erfolg und Misserfolg und lasse mich ein bisschen anstecken von ihrem Enthusiasmus.
  • Ich lese ein Buch über Karate und stöbere ein bisschen im Internet darüber.
  • Wenn sich die Gelegenheit ergibt, gehe ich mit meiner Frau zum Schwimmen an den See. Ohne Vorgaben, einfach nur, um meine Schultern und meine Arme mal wieder zu bewegen und dabei Spaß zu haben.
  • Und jetzt kommt meine Lieblingsmaßnahme: Das morgendliche und abendliche Zähneputzen absolviere ich grundsätzlich in einer der verschiedenen Arten im Karate zu stehen. Das kostet mich kein Geld und nicht einmal zusätzliche Zeit. Und ist aufgrund der Häufigkeit so wirksam.
  • Über das mit dem Prozess und der Dokumentation desselben denke ich noch. Einstweilen schreibe ich einen Blogbeitrag darüber …

Natürlich ist das erst der Anfang. Aber wozu mich damit beschäftigen, wie es weitergehen kann, bevor ich nicht weiß, ob der Anfang überhaupt funktioniert? Allzu viel Zeit mit allzu weitreichender Planung der persönlichen Weiterentwicklung zu verbringen, ist eine äußerst beliebte Strategie, um eben diese Weiterentwicklung wirksam zu vermeiden.

Das ist die nächste Lektion für die Entwicklungsplanung: Nicht den einen großen Plan erstellen, der dann unabänderlich über Monate hinweg exekutiert wird. Der funktioniert praktisch nie. Lieber zunächst die ersten Schritte planen, dann innehalten, auswerten, lernen, nächste Schritte planen. Oder anders gesagt: Im Gehen lernen.

Flexibel bleiben und auf die eigenen Signale achten: Auf Schmerzen natürlich, aber vor allem auch auf Emotionen: Wann kommt Frust auf? Oder Wut? Wann Freude oder Lust? Wann bin zufrieden und wann nicht? Woran liegt das? Und diese Fragen sollten man sich nicht vorschnell bewertend stellen oder gar verurteilend, sondern eher neugierig. In diesen Momenten erfahren wir enorm viel über uns selbst. Damit ist jede Entwicklungsmaßnahme gleichzeitig auch ein weiterer Schritt in der großen und nie-endenden Aufgabe, sich selbst besser kennenzulernen und auf die Schliche zu kommen.

Das ist manchmal schmerzhaft, manchmal lustig, aber fast immer erhellend.

Anregung für’s Wochenende: Übertragen Sie, wenn Sie mögen, diese Gedanken auf andere Entwicklungsmaßnahmen, die Sie beschäftigen oder beschäftigt haben. Am besten auf eigene, aber, wenn das leichter fällt, können Sie auch über die Entwicklung anderer nachdenken. Gehen Sie die vier Schritte und überlegen Sie sich hilfreiche Maßnahmen. Nicht mit dem Ziel, morgen schon alles anders zu machen, sondern zunächst vielleicht nur als intellektuelles Gedankenspiel.

Herzlich
Ihr
Christoph Frey

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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