Der WORTFOLIO-Blog: Dumm, böswillig, verrückt

Sie kennen das: Der Beamte, der gerade Ihren Bauantrag abgelehnt hat, hat das nicht getan,weil er gute Gründe dafür hatte, weil Ihr Bauantrag nun einmal gegen Vorschriften verstößt oder so. Nein. Der ist böswillig. Der macht das mit Absicht.

Die Tatsache, dass der Kollege auch nach dem dritten Mal Erklären noch Fehler macht, weist nicht etwa darauf hin, dass Sie vielleicht nicht sonderlich gut im Erklären sind (oder nicht die Fragen beantworten, die der Kollege hat): Der ist dumm. Zu blöd. Ein Trottel.

Und die Nachbarin, die seit Neuestem immer ins Yoga rennt und von ihren Meditationserfahrungen berichtet, hat nicht etwa einen guten Weg gefunden, besser auf sich selbst zu achten und für sich zu sorgen: Die ist verrückt (war sie schon immer). Hat einen an der Klatsche. Oder eine Midlife-Crisis.

Dumm, böswillig, verrückt sind nach wie vor die beliebtesten Kategorien, wenn es darum geht, Verhaltensweisen Anderer zu „erklären“.

Nun steht außer Frage, dass Menschen gelegentlich dumme Dinge sagen oder tun, gelegentlich tatsächlich böswillig sind und auch Verrücktes haben wir alle schon getan. Ich jedenfalls.
Auffällig ist aber schon, dass damit andere – gute, sinnvolle, nachvollziehbare, vernünftige – Gründe für das Handeln des Gegenübers gar nicht erst in Erwägung gezogen werden.

Wie oft „erklären“ wir Verhalten mit diesen Kategorien ganz einfach nur deshalb, weil wir zu faul, zu müde, zu unmotiviert sind, mal ernsthaft darüber nachzudenken, warum der Andere sich so verhalten hat? Warum unterstellen wir so oft, dass wir alle notwendigen Informationen, die wir zur Bewertung eines Verhaltens benötigen, bereits besitzen und es also ganz unnötig ist, weiter zu denken?

Warum tun wir sowas?

Eine Erklärung ergibt sich daraus, wie unser Denken funktioniert. Wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman gezeigt hat, verfügen wir nämlich über zwei ganz unterschiedliche Denk-Modi: Einen, der für die Schnellschüsse zuständig ist und auf der Grundlage ausgesprochen spärlicher Information häufig stereotype, aber vor allem schnelle Entscheidungen trifft (“System 1)”; sowie einen, der für’s Nachdenken im eigentlichen Sinne zuständig ist, der aktiv und rational Information hinterfragt und logische Schlüsse zieht (“System 2”). System 2 kostet arg viel Energie, weshalb wir viel, viel häufiger Systen 1 nutzen und das führt dann eben dazu, Erklärungskategorien zu nutzen, die nichts erklären.

Ein anderer Ansatz ergibt sich aus der Frage, wozu solche Erklärungen dienen. Ein anderer Großer der psychologischen Forschung, Leon Festinger, beschrieb in seinen Arbeiten u.a. das Phänomen der “Kognitiven Dissonanz“. Damit ist ein unangenehmer Gefühlszustand gemeint, der dann entsteht, wenn Menschen einander widersprechende Kognitionen haben. Demzufolge sind die oben beschrieben Kategorien nichts anderes als der Versuch, unangenehme Gefühle zu vermeiden, die dann entstehen würden, wenn wir uns die Mühe machten, die Hintergründe des fraglichen Verhaltens intensiver zu durchdenke;  möglicherweise würden wir dabei ja auf Informationen zu stoßen, die nicht in Einklang mit unseren Überzeugungen, unserem Weltbild etc. stehen.

Mit diesen Überlegungen sind wir dann mittendrin im Gebiet der Transaktionsanalyse, die sich u.a. intensiv damit auseinandergesetzt hat, was Menschen tun, um zu vermeiden, dass ihre einmal gefassten Ideen von der Welt, ihre Grundüberzeugungen in Frage gestellt werden.

Aber darum wird’s ein andermal gehen.

Anregung für’s Wochenende: Überprüfen Sie mal – wie immer sine ira et studio und ganz im Geist der Neugier – wie oft Sie das Verhalten Anderer mit einer der drei oben beschriebenen Kategorien „erklären“ und achten Sie auf die Gefühle, die entstehen, wenn Sie nach alternativen Erklärungen für das fragliche Verhalten suchen.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende ohne dumme, böswillige oder verrückte Menschen.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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