Briefe an das Patenkind: Dilettantismus

Liebe Franziska,

wieso ich mich in meinem letzten Brief an Dich als „hingebungsvoll dilettierend“ beschrieb, fragst Du, und ob das nicht eine Selbstherabwürdigung sei oder aber unwürdiges Fischen nach Komplimenten.

Es besteht indes, mein liebes Kind, weder Anlass zur Sorge noch zur Missbilligung. Ein Dilettant ist nämlich der Wortbedeutung nach jemand, der sich ganz schlicht an etwas erfreut – daher das Wort, das vom lateinischen delectare, sich an etwas erfreuen, abgeleitet ist. Dilettantismus hat also ursprünglich nichts mit Unvermögen oder mangelndem Talent zu tun, sondern lediglich damit, dass jemand etwas tut, weil’s Spaß macht und nicht etwa, weil’s dem Broterwerb oder ähnlich unziemlich ernsthaften Zielen dient. Ganze Heerscharen vermögender und überprivilegierter Nichtstuer des 18. oder 19. Jahrhunderts bezeichneten sich selbst mit stolzgeschwellter Brust (oder auch zweien) als Dilettanten.

Recht schade ist das eigentlich, dass der Begriff so verkommen ist und heutzutage – wo selbst der Liebesakt per medialem Ratgeber optimiert wird – nur noch zur Herabwürdigung taugt. Die Idee ist nämlich eigentlich schön. Allzu vieles dessen, was wir täglich tun, ist ausschließlich ziel- und nutzenorientiert. Fast könnte man ja glauben, wir alle seien zu kleinen Wirtschaftsunternehmen mutiert, die vollkommen verinnerlicht haben, dass alles und jeder stets ziel- und nutzenorientiert zu sein hat; und dass Nutzen bei jeder sich bietenden Gelegenheit optimiert werden muss. Wegen der Effizienz und so. Zeitmanagement ist alles oder jedenfalls irgendwie ganz ungeheuer wichtig, und auch Familien sind heutzutage eher gut geführte Betriebe, in denen es keinen Stillstand und nur selten Leerlauf gibt. Alles dient irgendwas: Dem Fortkommen oder der Geldvermehrung, dem sozialen Ansehen oder irgendwelchen abstrusen Kompetenzen sowie – vermutlich – auch der Optimierung von Verdauungsvorgängen. Irgendwie.

Ich habe das so satt, mein Kind. Wie sehr gefallen mir da die Dilettanten. Die, die zweckfreie Dinge tun. Die Gedichte schreiben, nicht mit dem Gedanken an lukrative Lesungen und die Gunst bildungsbeflissener Dichtergroupies mit Fimobroschen im Hinterkopf; sondern nur und alleine, weil manche Dinge sich eben besser und treffender sagen lassen, wenn man sich des Reimes und/oder der rhythmisierten Verszeile bedient; die malen und bildhauern, schauspielern und …. ach, eben Dinge tun. Gerne tun.

Das ist es, was ich versuche. Talent kümmert mich dabei wenig. Mag das, was ich mache, in den Augen anderer gut sein oder schlecht, ich mach’s ja nicht irgendwelchen professionellen Besserwissern zuliebe. Die können doch immer nur das Ergebnis beurteilen (oder sich einbilden, dass sie das können), nicht aber das, worauf es ankommt: Den Prozess, der dahin führte. Faceo ergo sum, könnte ich Dir bildungsbeflissen an den Kopf werfen: Ich mache also bin ich. Zielorientiert sowie kompetent und natürlich professionell bin ich eh den ganzen Tag. Da mag ich in der restlichen Zeit lieber hingebungsvoll unprofessionell, ahnungslos, inkompetent und untalentiert dem nachgehen, was mir Freude macht. Deshalb bin ich ein Dilettant. Ein sehr vergnügter. Freilich: Es gibt auch Trottel. Die unterscheiden sich von wahren Dilettanten dadurch, dass sie das, was sie tun, nicht etwa genießen, sondern einfach nur nicht können. Das ist verdrießlich und verdient unser Mitgefühl, meint

Dein höchst vergnügter Patenonkel.

 

© 2008, 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

zurück zur Startseite

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*