Briefe an das Patenkind: Die gute Sache

Liebe Franziska,

lästig findest Du die Demokratie manchmal und mühselig, alles möglich immer erst ausdiskutieren zu müssen. Du bewunderst Menschen, die das, was sie als richtig erkannten, durchsetzten – auch wenn sie dabei Regeln verletzten mussten.

Das erinnert mich an eine Diskussion, die wir damals an der Uni führten. Das Frauenreferat wollte sich in ein so genanntes Autonomes Referat umwandeln. Die Idee war, zwar auch in Zukunft das Geld der Studierenden für ihre Arbeit zu bekommen, künftig aber über die Ausgaben keine Rechenschaft mehr ablegen zu müssen. Immerhin saßen in den entsprechenden Gremien ja Männer, deren Handeln, wie jeder weiß, nicht nur dauerhaft von eher tiefer gelegenen Körperteilen bestimmt wird, sondern deren Sinnen und Trachten sich bekanntlich Tag und Nacht darauf richtet, die Frau als solche in unverschuldeter Knechtschaft zu halten.

Das Argument, dass man in demokratischen Institutionen verpflichtet ist, denen gegenüber, deren Geld man ausgibt, auch Rechenschaft abzulegen, fanden sie kaum überraschend nicht sonderlich stichhaltig (verschiedene heutige Politiker allerdings offenbar auch nicht). Immerhin galt es einige tausend Jahre der Unterdrückung auszugleichen. Was waren dagegen schon einige demokratische Prinzipien? Dass ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen solchen Ideen gegenüber auch nicht gerade aufgeschlossen waren, focht sie schon gleich gar nicht an: Diese hatten sich aus ihrer Sicht eben allzu behaglich in der Geborgenheit des Unterdrücktseins eingerichtet. So eine Art kollektives Stockholm-Syndrom.

Die andere Seite ist freilich die, dass Frauen tatsächlich benachteiligt wurden und werden. Und es ist auch eine Tatsache, dass sich in dieser Hinsicht vieles gebessert hat: Man(n) wird kaum umhin kommen, dieses auch dem Wirken einiger mutiger Frauen zuzuschreiben, die sich nicht davor fürchteten, tapfer für ihre Überzeugungen einzustehen – und sei es um den Preis, sich gelegentlich zu vergallopieren, dann ziemlich dämlich dazustehen und in der Öffentlichkeit ordentlich Haue zu kriegen. Wir alle verdanken diesen Frauen einiges. Das muss sie im Einzelfall nicht sympathisch machen, aber Respekt verdient haben sie.

Damit aber stehen wir vor einem Dilemma: Wir wissen, dass unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht der Verbesserung bedarf. Aber wir sehen’s nicht, sonst würden wir’s doch verändern. Also sind wir auf Menschen angewiesen, die jene Dinge wahrnehmen, die wahrzunehmen wir zu abgestumpft oder bequem sind. Und weil wir alle zur Sturheit neigen, müssen wir auch akzeptieren, dass uns diese Menschen ihre Erkenntnisse nicht nur höflich mitteilen, sondern nachdrücklich und manchmal auf eher unerfreuliche Weise.

Dennoch sträubt sich alles in mir, wenn ich daran denke, dass einer Gruppe gestattet werden soll, demokratische Mechanismen außer Kraft zu setzen – egal um welches hehres Ziel sie streiten mag. Doch welchem Umstand ist dieses Sträuben geschuldet? Meiner mangelnden Einsicht in Notwendigkeiten oder meiner zutreffenden Erkenntnis, dass bestimmte Dinge nicht aufgeweicht werden dürfen, weil der Preis, der dafür möglicherweise zu entrichten ist, zu hoch ist? Das ist immer eine schwierige Entscheidung. Und ganz bestimmt nicht durch die Anwendung schlichter Regeln zu lösen. Wir haben damals vielleicht einen Fehler gemacht. Ich hoffe nicht. Und mehr – ist leider auch nicht drin. Nur dieses: Zu hoffen, richtig gehandelt zu haben und es sich dabei nicht allzu leicht zu machen.

Dein frauenverstehender Patenonkel.

 

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