Briefe an das Patenkind: Die blaue Blume

Liebe Franziska,

grau kommt die Welt Dir vor, und voller Ödnis. Manchmal erträgst Du sie kaum und nun fragst Du mich, wie ich sie wohl ertrage. Ich ertrage sie (wenn auch manchmal mit Mühen), liebes Kind, weil ich weiß, dass neben der Welt, die Du schilderst, eine andere existiert.

Eine Welt, in der Liebe etwas bedeutet, das mehr ist als die Partnerschaft eines Lebensabschnitts oder das Aneinanderklammern zweier verlorener Seelen in der Nacht. Wo sie mehr aus Menschen macht und sie über sich selbst hinauswachsen lässt. Die Welt Abélards und Héloises oder auch Hadrians und Antinoos’. In der Walther von der Vogelweide und William Shakespeare um die Wette ihre Geliebten besingen und in der ein Mann zu einer Frau (oder auch zu einem andren Mann) sagen kann: „Augen vergesst! Kannt’ ich der Liebe Macht? Nie sah ich solche Schönheit bis heut nacht.“ – ohne rot zu werden.

In der der Anblick eines bewaldeten Hangs im Herbst, eines Müll-Stillebens am Straßenrand im Morgenlicht oder einer zisterziensischen Abteikirche in der Dämmerung den Atem raubt, und das Agnus Dei aus Mozarts Krönungsmesse oder meinetwegen der zornig-sehnsüchtige Rap Eminems das Herz schneller schlagen lässt. In der man im Kino vergisst, dass man ja gar nicht mitspielt, und sich verliert im Lachen eines Kindes so wie in Michelangelos Pietà oder einem Aquarell aus einem Comic von Jon Muth. In der Gespräche ziellos mäandern, vertraut und voll Nähe, ohne Furcht und Misstrauen.

In der ein Mann eine heimliche Sehnsucht hegen kann nach den Muppets, der Blechbüchsenarmee oder Seelefant, dem See-Elefanten, ohne befürchten zu müssen, für einen grenzdebilen Volltrottel gehalten zu werden.

Eine Welt, in der all das möglich ist. Denkbar. Und nicht von vornherein ausgeschlossen, weil wir ja schließlich erwachsen geworden sind, rational und damit meistens auch zynisch. Ich bin – wie alle anderen auch – meistenteils langweilig, gedankenlos, unsensibel und wahrhaftig nicht sonderlich talentiert zu irgendwas. Aber ich will glauben können, dass es auch anders sein kann. Manchmal, gelegentlich, selten, fast nie.

Ein bunter Kindertraum, nicht wahr, bevölkert mit tapferen schwertfuchtelnden Helden, die ohne zu zögern für die gute Sache kämpfen, wissend, dass sie eh aussichtslos ist, aber was soll’s? Und von Frauen, die mutig ihren Willen durchsetzen against all fucking odds und sei’s um den Preis, eine Furie sein zu müssen.

Ja, ja, das ist recht kindisch. Die Helden, die tapferen, haben am Ende mehr Kummer und Leid über die Welt gebracht als die Heerscharen jener, die nie von eines Gedankens Blässe angekränkelt wurden; und die Frauen, die mutigen, willensstarken, furienbereiten, waren vor allem meist eins: Furien und reichlich unglücklich.

Weiß ich alles, liebes Kind.

Die Worte, die ich gebrauche, sind so abgenutzt, dass sie schon ganz dünn sind; farblos und durchscheinend. Sie bedeuten nichts mehr, und verweisen allenfalls noch auf den Bildungsgrad des Sprechers – hohle Phrasen, die für kaum mehr stehen als den unbedingten Willen, sich abzuheben in einer belanglosen Welt, die keine Angriffsfläche bietet, weil sie alles schon kennt, und alles schon gesehen hat.

Und trotzdem, Franziska: „Schläft ein Lied in allen Dingen / die da träumen fort und fort / und die Welt hebt an zu singen / triffst Du nur das Zauberwort“, heißt es bei Eichendorff. Dieses Trotzdem, geliebtes Patenkind, schickt Dir

Dein die Blaue Blume suchender Patenonkel.

 

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