Der WORTFOLIO-Blog: Wissenschaft und Erkenntnis in der Psychologie

Heute geht es mal wieder um’s Wissen. Ganz eigentlich um’s Verstehen. Und darum, dass die Psychologie offenbar in erheblichen Teilen vergessen hat, dass es mehr als einen Zugang dazu gibt, oder mit anderen Worten: Dass es nicht nur eine theoretische Konzeption dazu gibt, was man über die menschliche Psyche wissen kann und wie man es wissen kann.

Zugänge zur Erkenntnis

Um es vorweg zu sagen: Ich mag Empirie. Und ich mag Daten. Ich habe nicht umsonst viel Zeit damit zugebracht, Fragebögen zu erstellen und Daten auszuwerten. Ich habe noch heute große Freude daran, über Faktorenanalysen zu brüten und mir Wege auszudenken, aus einem Datensatz Information herauszuholen; Sinn zu stiften mit Hilfe statistischer Verfahren. Das ist toll.

Es ist nur nicht der einzige und exklusive Zugang zur Realität. Poppers Kritischer Rationalismus ist eine gute Idee – nur dass wissenschaftlicher Fortschritt (Erkenntnis, Einsicht) so nicht funktioniert. So nicht nur funktioniert, um präzise zu bleiben.

Popper hatte die Vorstellung, dass wir Stück für Stück als fleißige und geduldige Arbeitsbienen im Weinberg der wissenschaftlichen Erkenntnis uns vorantasten: Hypothesen formulieren, diese tapfer versuchen zu widerlegen, um uns so Stück für Stück und Millimeter für Millimeter vorzutasten hin zu robusten Theorien.

Und so geschieht das ja auch. Auf der ganzen Welt plagen sich brillante Geister auf dem steinigen Weg des Hypothesen-Abarbeitens.

Aber glaubt irgendjemand ernsthaft, dass das der einzige Weg ist? Nein. Natürlich nicht. Wissenschaftstheoretische Entwürfe gibt es viele und es wäre einigermaßen beschränkt, einen auf Kosten der anderen für richtig, wahr und gut zu halten.

Die Geburt der modernen Psychologie

Das ist das Eine. Das andere ist, dass die moderne Psychologie aus – mindestens – zwei unterschiedlichen Traditionen stammt. Zum einen Leute wie Fechner oder Wundt, die sich in ihren Laboren vor allem mit Wahrnehmung beschäftigten und einem naturwissenschaftlichen Ansatz verbunden waren. Zum anderen Freud und Co, die zwar Mediziner waren, aber in ihrem Denken eher einem geisteswissenschaftlichen Ansatz verpflichtet waren. Die sich auch explizit nicht nur auf Erkenntnisse aus der Medizin bezogen, sondern auf Philosophen, Schriftsteller, Theologen, Künstler, auf Menschen mithin, denen naturwissenschaftliches Denken in Theorie und Hypothese, Experiment und Datensammlung, Falsifikation und Bestätigung eher fremd war.

Glaubt irgendjemand ernsthaft, die menschliche Psyche sei gewissermaßen im 19. Jahrhundert entdeckt worden? Und vorher gab’s sowas halt einfach nicht? Haben sich nicht Menschen zu allen Zeiten darüber Gedanken gemacht, warum der Mensch so ist, denkt, fühlt und handelt wie er ist, denkt, fühlt und handelt? Und sind diese Überlegungen etwa nur deshalb nicht relevant, weil sie nicht unter dem Label “Psychologie” entstanden sind, sondern im Kontext von Theologie, Philosophie, Kunst?

Der Siegeszug der Naturwissenschaften an den Universitäten ließ jedoch auch die Psychologie nicht unbeeindruckt und so wird heute Psychologie, was die methodische Herangehensweise und das vorherrschende Erkenntnisparadigma angeht, weitaus überwiegend in Anlehnung an die Naturwissenschaften verstanden und gelehrt.

Wie arm ist das denn?

Warum beschneiden wir uns gleich mal im Vorfeld in unseren Erkenntnismöglichkeiten? Warum tun wir so als sei der Mensch – ein wahrhaft komplexes Wesen – mit Methoden erfass- und verstehbar, die dieser Komplexität nicht gerecht werden (können)?

“Und” statt “Entweder-Oder”

Nicht falsch verstehen: Es geht nicht um Entweder-Oder, schwarz oder weiß, Natur- versus Geisteswissenschaft. Hermeneutischer Zirkel versus Laborexperiment; quantitative versus qualitative Forschung. Oder auch: Hie Wissenschaft, hie Kunst. Es geht um ein „Und”. Um das Neben- und Miteinander sich ergänzender, manchmal konkurrierender Ansätze zum Verständnis dessen, worum es in der Psychologie geht: das Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Verhalten und Handeln von Menschen.

Das heißt, dass Lernen darüber an allen möglichen Orten möglich ist: in naturwissenschaftlichen Arbeiten ebenso wie in geisteswissenschaftlichen; in Romanen und Theaterstücken ebenso wie in wissenschaftlichen Studien; in Bildern ebenso wie in Texten. Haben nicht Lion Feuchtwanger oder Samuel BeckettStefan Zweig oder Siri Hustvedt uns eine ganze Menge über Menschen zu sagen und darüber wie sie funktionieren? Lernen wir nicht auch etwas über menschliche Wahrnehmung, wenn wir Bilder von El Greco, Vincent van Gogh, William Turner  oder Jackson Pollock anschauen?

Haltung vs. Methode

Worauf es ankommt, ist nicht so sehr die verwendete Erkenntnismethode, sondern vielmehr die Haltung, die dahintersteht: Um Erkenntnis sollte es gehen; um Verstehen-wollen. Und diese Erkenntnis sollte sich in irgendeiner Weise nachprüfen lassen. Sie sollte tauglich sein für die Praxis und sie sollte uns weiterbringen und nicht beliebige Fingerübung im Elfenbeinturm bleiben.

So verstanden wird der Horizont für psychologische Erkenntnisse weit – aber nicht beliebig. Nachvollziehbarkeit, Plausibilität, Logik, Konsistenz, Widerspruchsfreiheit, Anwendbarkeit – alle diese Kriterien für gutes wissenschaftliches Arbeiten gelten nach wie vor. Sie schließen esoterisches Blabla aus, beziehen aber alle anderen Fächer und Disziplinen explizit mit ein, die uns etwas über den Menschen, sein Denken, Fühlen, Verhalten und Handeln sagen können.

Herzlich
Ihr
Christoph Frey

© 2016 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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