Der WORTFOLIO-Blog: Verantwortung vermeiden leicht gemacht

Schon richtig: Verantwortung vermeiden kann jede*r. Seit wir Menschen überhaupt wissen, was Verantwortung ist, haben wir schließlich auch Strategien entwickelt, um ihr zu entgehen. Und: Dieses nicht zuzugeben. Das ist ja der Trick daran.

Aber natürlich können auch Profis der Verantwortungsvermeidung immer noch etwas dazu lernen. Dazu empfiehlt es sich, diesbezügliche Bemühungen einer systematischen Betrachtung zu unterziehen. Ein sehr hilfreiches Werkzeug dafür ist das Konzept der Passivität. Es entstammt der von Eric Berne begründeten Transaktionsanalyse. Passivität wird hier definiert als die Menge aller Wahrnehmungs-, Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen, die geeignet sind, die Lösung eines Problems zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Also genau das, was wir brauchen, wenn wir Verantwortung für ein gegebenes Problem vermeiden wollen.

Wir konzentrieren uns hier auf Passivität im Denken sowie im Verhalten und betrachten diese im Folgenden anhand eines konkreten Beispiels.

Sagen wir, meine Kollegin spricht mich darauf an, dass ich in letzter Zeit häufig meine Arbeitsergebnisse zu spät an sie weitergegeben habe. Da sie unmittelbar von diesen abhängt, sorgt das bei ihr für Stress: „Du, mir ist aufgefallen, dass Du in letzter Zeit häufig später lieferst als ich das für meine Arbeit brauche. Das führt auf meiner Seite zu Schwierigkeiten. Können wir besprechen, wie wir das lösen können?“

Jetzt habe ich 2 Möglichkeiten zu reagieren:

  • Möglichkeit 1: Ich nutze die mir zur Verfügung stehende Energie, um das Problem zu lösen, d.h. kläre, um welche Arbeitsergebnisse es sich handelt, welche Absprachen galten usw.; ich überprüfe, was mich gegebenenfalls gehindert hat, diese einzuhalten; ich treffe Vereinbarungen usw.
    Kurz gesagt: Ich übernehme – gemeinsam mit meiner Kollegin – Verantwortung.

Aber das will ich natürlich nicht, ist ja schließlich mühsam und eventuell sogar mit der Notwendigkeit verbunden, eigenes Verhalten zu verändern.

  • Also wähle ich Möglichkeit 2 und nutze die mir zur Verfügung stehende Energie für Denk- und Verhaltensweisen, die geeignet sind, das Problem nicht zu lösen bzw. zu vermeiden.
    Ich übernehme keine Verantwortung für das Problem, gebe das aber natürlich nicht zu.

Wie sieht das konkret aus? Als fortgeschrittener Verantwortungsvermeider, der ich bin, werde ich zunächst einmal Sorge tragen, schon mein Denken so auszurichten, dass es eine Lösung des Problems ausschließt. Wichtig ist dabei, passives Denken nicht nur zu behaupten, sondern sich selbst von der Richtigkeit dieses Denkens zu überzeugen. Das steigert die Wirkung ungemein.

  • Auf der grundlegendsten Stufe leugne ich die Existenz eines Problems: „Ich hab nie zu spät geliefert. Das bildest Du dir ein!
  • Wenn sich nicht recht vermeiden lässt, zuzugeben, dass vielleicht doch irgendetwas im Argen liegen könnte mit meinen Arbeitsergebnissen, erkenne ich die Existenz des Problems zwar oberflächlich an, werte es aber gleichzeitig ab, indem ich ihm die Bedeutung abspreche: „Ja, hin und wieder kommt das vielleicht vor, aber so ist das eben. Es geht halt nicht immer alles hundertprozentig perfekt!
  • Lässt sich nicht länger leugnen, dass das Problem tatsächlich auch Bedeutung hat, kann ich immer noch dessen prinzipielle Unlösbarkeit behaupten: „Das geht halt nicht anders. Das ist bei dieser Arbeit so.“ Fortgeschrittene werden an dieser Stelle zusätzlich das Problem so sehr aufgeblasen, dass eine Lösung auch hoffnungslosen Optimisten völlig undenkbar erscheint.
  • Komme ich nicht umhin, anzuerkennen, dass das Problem prinzipiell schon lösbar wäre, bleibt mir schlussendlich nichts anderes mehr übrig als meine eigene Problemlösefähigkeit abzuwerten: „So bin ich halt. Und außerdem ist es eh gerade schlecht, weil … [fügen Sie an dieser Stelle beliebige Gründe ein].“

Ergänzt werden die passiven Denkweisen durch passive Verhaltensweisen. Hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt, solange nicht aus dem Blick verloren wird, dass sie darauf abzielen müssen, das Problem nicht zu lösen. Bewährt haben sich im Wesentlichen vier:

  • Die offensichtlichste Form von passivem Verhalten, wenn man mit einem Problem konfrontiert wird, ist das Nichtstun: Statt mich um eine Lösung des Problems zu bemühen, sage ich einfach gar nichts; oder ich ignoriere im Anschluss an das Gespräch alle Absprachen; oder mache sonst etwas völlig anderes. Nichtstun kommt auch gerne als subjektives Lähmungsgefühl daher („Kaninchen vor der Schlange“).
    Wichtig ist, dass das, was ich tue (wenn ich denn etwas tue), nichts mit dem zu lösenden Problem zu tun hat. Diese Strategie wird gerne auch als Gelassenheit rationalisiert oder als Einsicht, dass manche Dinge sich von selbst regeln: „Die hört schon wieder auf.“
  • Weniger offensichtlich – aber noch hilfreicher, weil schwerer erkennbar – ist die Überanpassung: Statt das Problem zu analysieren und die eigenen Bedürfnisse in diesem Zusammenhang zu erkunden, orientiere ich mich an dem, was meine Kollegin – vermeintlich oder tatsächlich – wünscht. Nachdrücklich fordere ich entsprechende Aussagen auch ein: „Was soll ich denn machen? Sag doch, wie ich das machen soll!“ Anschließend halte ich mich buchstabengetreu an all die Aussagen, die meine Kollegin unvorsichtigerweise gemacht hat.
    Sobald dies erwartbarerweise nicht zu einer Lösung geführt hat, kann ich mich dann wortreich und selbstmitleidig beklagen: „Ich hab doch alles gemacht, was Du wolltest!“
  • Ebenfalls sehr beliebt ist die Agitation: Ich entfalte enorme Aktivität, die scheinbar auch irgendwie mit dem zu lösenden Problem zusammenhängt, aber nie zu einer Lösung führt. Blinder Aktionismus hat sich hier auf das Erfreulichste bewährt.
    Das Schöne an der Agitation ist, dass sie zwar wie gewünscht nie zu einem sinnvollen Ergebnis führt, aber gleichzeitig so hübsch entschlossen und tatkräftig wirkt.
  • Wenn gar nichts mehr hilft, bleibt schließlich noch die Gewalt: Ich schreie herum, verlasse türenschlagend den Raum, beleidige, verletze. Gewalt ist zwar eher unsubtil, verhindert aber Lösungen durchaus nachhaltig.
    Etwas subtiler, aber natürlich auch mit größeren persönliche Risiken verbunden ist die Gewalt gegen sich selbst: Ich setze mich für meine Verfehlungen selbst auf die Anklagebank, schlage mir zumindest metaphorisch an die Stirn, beklage meine Unfähigkeit etc.

Damit beenden wir diesen kleinen Überblick. Ich kann mit Überzeugung und aus eigner gelebter Erfahrung heraus garantieren, dass alle hier aufgezeigten Denk- und Verhaltensweisen hervorragend geeignet sind, die Übernahme von Verantwortung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben . Dabei empfiehlt es sich, flexibel in der Nutzung der verschiedenen Denk- und Verhaltensweisen zu bleiben. Sie alle haben ihre Berechtigung und ihre je eigene Wirksamkeit. Die Auswahl sollte sich dementsprechend an den Erfordernissen der gegebenen Situation orientieren. Das freilich schließt persönliche Favoriten und Lieblings-Vorgehensweisen nicht aus.

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