Der WORTFOLIO Blog: Organisationsberatung im Zeichen von Terror und Flüchtlingskrise

Ich sehe die Bilder von den vielen Menschen, die hier bei uns Zuflucht suchen vor Krieg, Terror und Verfolgung; von denen, die dieses mit Angst oder Wut oder Hass erfüllt und die diese Gefühle in Stammtischparolen und Schlimmeres übersetzen; und von den Terroristen, die im Namen ihrer menschenverachtenden Ideologie Unschuldige töten – in Paris, in Beirut, auf dem Sinai, in der Türkei, in Afghanistan, im Irak, in Syrien …

Ich bin betroffen, entsetzt, erschüttert; habe vielleicht Angst, mache mir Sorgen, nicht nur um mich und mein Wohlergehen, sondern auch um unsere Gesellschaft, unsere Freiheit. Als Mensch. Als Privatmensch.

Als ob es das gäbe.

Wie sind es so gewöhnt, diese Unterscheidung zwischen beruflichem Ich und privatem Ich zu machen, dass kaum noch auffällt, wie absurd sie ist. Ein Mensch bin ich doch immer. Ich höre doch nicht auf, mir Sorgen zu machen oder erschüttert zu sein, wenn ich mein Büro betrete und mich meiner Arbeit widme. Und meine Arbeit hat doch auch nicht etwa nichts zu tun mit dem, was gerade um uns herum passiert, was mich „als Mensch” erschüttert oder ängstlich macht.

Wir Organisationsberaterinnen, Personalentwickler, Trainerinnen, Coaches, wir alle gestalten die Gesellschaft mit, in der wir leben und in der diese Dinge passieren. Wenn wir mit Führungskräften an ihrem Führungsverständnis arbeiten, wenn wir Organisationen dabei unterstützen, Strukturen und Prozesse einzuführen oder zu überarbeiten, wenn wir Teams in ihrer Entwicklung unterstützen, dann leisten wir einen kleinen, aber eben existenten Beitrag dazu, unsere Umwelt und damit letztlich auch unsere Gesellschaft zu gestalten.

Organisationen – seien es große Konzerne, kommunale Verwaltungen, kleine Handwerksbetriebe – prägen die Art und Weise, wie Menschen die Welt erleben. Wir verbringen einen enorm großen Teil unseres Lebens in solchen Organisationen. Die Art und Weise, wie dort das Miteinander gestaltet und gelebt wird, wie mit Konflikten umgegangen wird, wie Führung gelebt wird, prägt uns. Sie prägt unser Bild vom Menschen, von seinen Fähigkeiten, seinen Defiziten, seinem Potential für Gut und Böse. Ob wir das wollen oder nicht. Es ist ziemlich schwierig, das Selbstbild eines selbstverantwortlichen, menschenfreundlichen und urteilsfähigen Bürgers aufrechtzuerhalten, wenn ich Tag für Tag erlebe, dass ich in meinem Betrieb offenbar eher als Kleinkind betrachtet werde, das ständig überwacht und gegängelt werden muss oder als austauschbares Rädchen in einem unüberschaubaren Getriebe.

Wenn wir beklagen, was derzeit in unserer Gesellschaft geschieht, wenn uns mit Sorge erfüllt, wie manche Menschen zentrale Werte wie Menschlichkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu suspendieren bereit sind angesichts der aktuellen Herausforderungen, dann sollten wir uns auch fragen, welchen Beitrag wir eigentlich leisten. Wir sollten selbstkritisch unser Handeln überprüfen und uns klar machen, dass wir eben nicht trennen können zwischen privater Erschütterung und Sorge auf der einen Seite und beruflichem Handeln auf der anderen.


Das betrifft ganz konkrete Fragen:

Wie denken wir beispielsweise Führung? Haben wir immer noch das Bild von der Führungskraft, die alles kann und alles besser weiß? Die bestimmen, anordnen, entscheiden, kontrollieren muss, weil ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter offenbar nicht erwachsene Menschen sind, sondern Kinder, die man anleiten, eben führen muss? Wenn wir glauben, dass Menschen der Anleitung, Überwachung, Kontrolle bedürfen – was heißt das dann für unsere Gesellschaft, für die Art und Weise des Miteinanders in dieser Gesellschaft, für unsere Demokratie?

Unterstützen die Strukturen und Prozesse, die wir empfehlen oder einführen, Menschen dabei, sich als ganze, kompetente und verantwortliche Menschen einzubringen und als solche auch Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen? Oder dienen sie dazu, zu kontrollieren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entmündigen?

Denken wir Organisationen als Maschinen, mit vielen kleinen Rädchen, die austauschbar sind und deren Individualität ohne Bedeutung ist? Mit Hebeln, an denen mächtige Menschen ziehen, um damit dieses oder jenes zu erreichen? Oder denken wir sie als lebendige, komplexe Organismen, die sich verändern und entwickeln können und wollen; die steuern zu wollen jedoch eher eine grandiose Phantasie ist? Wie wirkt sich unser Denken über Organisationen auf unser berufliches Handeln aus und welche Folgen hat das für die Gesellschaft? Wie denken wir eigentlich Gesellschaft?

Unterstützen wir in unseren Trainings oder Coachings Allmachts- und Machbarkeitsphantasien von Führungskräften und vermitteln wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie nicht eigenverantwortlich zu denken, sondern sich Prozessen und tatsächlichen oder behaupteten „Notwendigkeiten” unterzuordnen haben? Oder unterstützen wir alle – egal ob Führungskräfte oder einfache Mitarbeitende – darin, sich als ganze Menschen einzubringen, weiterzuentwickeln, zu entfalten? Sich selbst verantwortlich und nicht ausschließlich den tatsächlichen oder gedachten Interessen eines Arbeitgebers entsprechend.

Sehen wir uns in unserer Arbeit als die, die’s besser wissen? Mehr Klugscheißer als Berater im eigentlichen Sinne? Hegen wir selbst grandiose Phantasien über unseren Einfluss und unsere Möglichkeiten? Und es behaupte niemand vorschnell, dass dies auf ihn oder sie gar nie nicht, ganz und gar nicht und auf gar keinen Fall zutreffen könne, jemals zugetroffen habe oder zutreffen werde. Zuallererst sind wir Menschen, wir Berater, fehlbar, unvollkommen und weit entfernt von Perfektion und Erleuchtung.


Wir Organisationsberater und Personalentwicklerinnen, wir Trainerinnen und Coaches haben Verantwortung für die Gesellschaft, die wir durch unser berufliches Handeln mitgestalten. Sicher, wir steuern nicht, wir lenken nicht, aber das Handeln zehntausender von uns hat in der Summe Einfluss. Wir können nicht so tun – oder vielmehr: wir dürfen nicht so tun – als finde unser Handeln in luftleerem Raum statt, losgelöst von gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen, von aktuellen Herausforderungen und Krisen. Unser Handeln hat Konsequenzen und wenn wir diese nicht bedenken, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie sich so gestalten, wie wir es uns eigentlich wünschen würden, wie es unserer Gesellschaft zuträglich wäre. Wir können und wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt und mit den Herausforderungen, vor die sie gestellt ist, fertig wird. In einer Weise, die die zivilisatorischen Errungenschaften unserer Gesellschaft bewahrt, weiterentwickelt und sie nicht beschädigt.

Für uns bei WORTFOLIO heißt das, dass wir unsere Arbeit und ihre Ergebnisse kritisch prüfen; dass wir unsere Konzepte und unser Handeln in Frage stellen; dass wir Konsequenzen unseres Handelns kritisch prüfen; dass wir bereit sind, sie zu verwerfen, zu verändern, weiterzuentwickeln und neuen Erkenntnissen und Einsichten anzupassen; dass wir nicht nur auf Umsatz und Gewinn starren, sondern uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass auch unsere Arbeit einer gesellschaftlichen Verpflichtung unterliegt. Nicht als „nice-to-have”, sondern zwingend. Das tun wir nach bestem Wissen und Gewissen und so gut, wie wir’s eben können. Denn wir sind Menschen (siehe oben).

Ein konkretes Ergebnis dieser Überlegungen ist, dass wir unseren Kunden signalisiert haben und dieses hiermit auch denen signalisieren, mit denen wir bisher nicht zusammengearbeitet haben, dass wir bereit sind, auch einen konkreten Beitrag zur aktuellen Flüchtlingskrise zu leisten: Wir wollen diejenigen aktiv mit unserem Wissen und unserem Knowhow unterstützen, die momentan ihr Bestes versuchen, um der großen Zahl an Menschen, die bei uns vor Krieg und Terror Schutz suchen, zu helfen. Wenn es konkrete Bedarfe und Anliegen gibt, wenn wir kommunalen Organisationen oder ehrenamtlichen Hilfsorganisationen dabei helfen können, ihre wichtige Arbeit zu tun, werden wir das im Rahmen unserer Möglichkeiten tun. Und dabei auf Honorar verzichten.

Das ist nicht viel. Das rettet nicht die Welt und mag irgendwie auch hilflos wirken oder naiv. Egal. Es ist etwas. Und es bringt uns weg davon, Zustände zu beklagen statt aktiv daran zu arbeiten, sie zu bewältigen.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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