Der WORTFOLIO-Blog: Identität I oder Eine wunderbare Erfindung

Vor einiger Zeit habe ich mich an dieser Stelle damit beschäftigt, was Komplexität ausmacht und welche Konsequenzen das für unser Verhalten und Handeln hat oder haben sollte. Und ich habe mich etwas später mit der Funktion von Symbolen und Ritualen in Organisationen befasst. Heute möchte ich die beiden Themen gewissermaßen zusammenführen und einen grundlegenden Aspekt menschlicher Kultur etwas näher beleuchten, der auch für die Organisation von (Zusammen-)Arbeit in Unternehmen eine bedeutsame Rolle spielt: die Rede ist von menschlicher Identität.

Das Problem

Komplex war die Welt schon immer: Unüberschaubar ist die Anzahl der Variablen, die sich auf eine gegebene Situation auswirken und dafür sorgen, dass sie so oder so oder ganz anders verläuft; undurchschaubar sind die Zusammenhänge zwischen diesen Variablen (eine grundlegende Beschreibung, was Komplexität definiert, und was daraus grundlegend abgeleitet werden kann, findet sich in diesem Beitrag unseres Blogs).

Das galt zu jeder Zeit, egal ob Stein-, Kupfer-, Bronze- oder Eisen- und natürlich auch für alle nachfolgenden. Der durchschnittliche mittelalterliche Bauer bewegte sich – ebenso wie die durchschnittliche mittelalterliche Bäuerin und ihrer beider Vorfahren – kaum mehr als ein paar Kilometer vom Heimat- und Wohnort weg. Den Grundherren bekamen sie so gut wie nie zu Gesicht. Die große Politik, die sich um Gebiete stritt oder um Seelen, um die Legitimität von Herrschaftsansprüchen oder die Finanzierung von Kriegen bekamen sie allenfalls zumeist durch Hörensagen mit. Tat aber nix, denn für unsere fiktiven Bauern hatten diese Dinge in der Regel keine große Bedeutung. Sie hatten nämlich – wie auch schon ihre Vorfahren – mehr als genug Komplexität an der Backe, mit der sie sich irgendwie herumschlagen mussten: Klima und Wetter, die Entwicklung von Böden und Nutztieren, Schädlinge und Viehseuchen; und natürlich die große Menge an Fährnissen und Herausforderungen des Lebens, mit denen alle Menschen zu allen Zeiten sich konfrontiert sahen: Liebe, Freundschaft, Tod, Krankheit, Kindererziehung – alles zentrale Einflüsse auf Handeln und Existenz. Und so gut wie nichts davon vorhersagbar.

Wie schafften und schaffen es Menschen, einigermaßen friedlich und zufrieden zu leben trotz der Tatsache, dass ihre Existenz so sehr geprägt war und ist von Kontrollverlust? Wie lebt es sich im Angesicht von Chaos?

Eine Antwort

Eine ziemlich naheliegende Antwort ist die Erfindung der Religion. Sie erklärt das, was nicht erklärt werden kann. Definiert Regeln, die scheinbar Kontrolle über das als unkontrollierbar Erlebte ermöglichen.

In dieser Antwort steckt freilich eine Prämisse: Entweder haben die Religionen – oder vielmehr: genau eine davon – recht und die Welt wird versteh- und kontrollierbarer durch das Annehmen der einen, richtigen Lehre und das Befolgen ihrer Regeln. Oder aber die Religionen vermitteln Lehren, die in Wirklichkeit gar nichts bringen, die nichts vorhersag- und kontrollierbar machen. Dann sind Menschen offenbar erstaunliche Trottel, dass sie denen, die Unsinn verkünden, so lange gefolgt sind bzw. weltweit immer noch in bemerkenswertem Ausmaß folgen.

Die Erfindung der Identität

Ich glaube, die Antwort liegt viel tiefer. Und sie hat den Vorzug, dass sie Menschen nicht zu Trotteln macht. Die entscheidende Erfindung zur Bewältigung von Komplexität ist nämlich meines Erachtens das Konstrukt der Identität.

Schon die Tatsache, dass Identität hier als Konstrukt und erfunden bezeichnet wird, weist auf eines der größten Missverständnisse im Zusammenhang mit Identität hin: Sie wird häufig als etwas natürliches verstanden, etwas, das sich von selbst einstellt und dazu logisch, nachvollziehbar und letztlich rational erklärbar ist: Ich bin Deutscher, also habe ich eine deutsche Identität. Und die hat zur Folge, dass … (was auch immer).

Nichts könnte falscher sein.

Schon der Singular ist eigentlich falsch, denn wir besitzen keineswegs nur eine Identität, sondern viele. Ich bin ja nicht nur Deutscher, sondern auch noch noch gebürtiger Bayer. Habe fast 20 Jahre in der Südpfalz gelebt und lebe jetzt schon seit über 10 Jahren in Baden. Meine Mutter stammt aus Ostwestfalen, mein Vater aus Bayern. Meine Mutter ist evangelisch, mein Vater katholisch. Ich bin ein Mann und habe einen Zwillingsbruder. Bin Akademiker. Psychologe. Karateka. Über 50. Selbständig. Verheiratet usw. usw.

Lauter Merkmale meiner Existenz, die mich in der einen oder anderen Weise prägen oder ausmachen. Je nach Situation und Kontext mal stärker, mal weniger stark.

Lauter Identitätsangebote. Aus ihnen resultiert ein Gefühl der Vertrautheit, wenn ich eine katholische Kirche betrete, in der Südpfalz Wein einkaufe, mich mit verheirateten Menschen unterhalte, jemanden bayerisch sprechen höre oder Zuckerkuchen esse.

Identität als praktische Lebenshilfe

Inwieweit aber löst nun Identität das oben beschriebene Problem?

Sie löst es nicht. Sie hilft, damit umzugehen. Das ist der entscheidende Trick. Und deshalb sind auch Menschen, die sich Religionen anvertrauen, keine Trottel. Natürlich macht keine denkbare Identität die Welt verstehbarer. Sie erlaubt keine zutreffenden Vorhersagen. Aber: Sie gibt – oder genauer: fördert – das, was durch Chaos und Kontrollverlust so nachhaltig beschädigt wird: das Erleben von Gemeinschaft und damit Gefühle von Vertrautheit, Aufgehobensein, manchmal sogar Geborgensein.

Gemeinschaft hat eben nicht – und nicht einmal vorrangig – praktische Zwecke. In allererster Linie vermittelt sie ein Gefühl, das es erlaubt – oder zumindest eher erlaubt – mit der Unvorhersehbarkeit, der Unkontrollierbarkeit der Welt – also mit Komplexität – umzugehen.

Eine wunderbare Erfindung. Und so geht mit der Entwicklung der Menschheit und ihrer Zivilisationen die Entwicklung identitätsstiftender Konzepte und Organisationen einher: Familien- und Stammesverbände, Religionen, Berufe und Handwerksgilden, Nationen und Weltreiche, politische oder wirtschaftliche Organisationen aller Art. Lauter Angebote, sich als Teil von etwas Größerem und damit in gewissem Maße aufgehoben zu fühlen.

Die deutsche Variante des kapitalistischen Wirtschaftssystems, die unter der Bezeichnung „Soziale Marktwirtschaft” in die Geschichts- und Wirtschaftslehrbücher einging, fußte in nicht unerheblichem Maße genau darauf, dass sie dem „kalten” Kapitalismus angelsächsischer Prägung die wärmende Verpflichtung zur Fürsorge für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ins Stammbuch schrieb. So wurden Identitätsangebote geschaffen, die mit Sicherheit auch dazu beitrugen, dass der soziale Friede in (West-)Deutschland über lange Zeit nach dem 2. Weltkrieg erheblich stabiler ausfiel als man angesichts der vielfältigen sozialen und politischen Umbrüche hätte erwarten dürfen. Noch heute bieten große deutsche Traditionsfirmen wie Siemens, Bosch, Daimler-Benz, Volkswagen oder BMW ihren Mitarbeitenden mehr als nur Gehalt – nämlich die Möglichkeit, sich als Teil von etwas Größerem, einer „Familie” zu fühlen.

When Identity Fails

Doch, wehe, wenn die Identitätsangebote bedroht werden oder gar nicht mehr funktionieren. Wenn Komplexität wieder spürbarer wird und das auf Dauer. Dann werden wir Menschen gerne mal ziemlich hantig, wie man in meiner bayerischen Heimat zu sagen pflegt: Ärgerlich und ziemlich unangenehm.

Das soll uns im zweiten Teil beschäftigen. Dort werde ich auch der Frage nachgehen, welche Folgen das für die Organisation von (Zusammen-)Arbeit in Unternehmen hat oder haben kann.

Herzlich
Ihr
Christoph Frey

© 2016 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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