Der WORTFOLIO-Blog: Die wundersame Risikosteigerung (Risikokommunikation II)

Mit Risikokommunikation haben wir uns bereits vor einer Weile beschäftigt. Damals ging es vor allem um die Klärung grundlegender Begriffe wie Risiko, Gewissheit und Unsicherheit sowie um die Bezifferung von Risiken. Im heutigen zweiten Teil unserer Reihe zur Risikokommunikation geht es um die Art und Weise, wie Veränderungen von Risiken in Zahlen ausgedrückt und dabei nicht selten verschleiert oder aufgebauscht werden.

Dazu ein kleines Beispiel: Für Menschen, die wöchentlich Linsen essen, erhöht sich das Risiko an fibriler Stereotmatose zu erkranken, um sage und schreibe 100 Prozent! Klingt so als sollte ich dringlich weniger Linsen essen. 100 Prozent Risikosteigerung!

Das klingt dramatisch. Ist es aber nicht. Oder genauer gesagt: Wir wissen’s nicht. Wir können es auch gar nicht wissen, denn in der Aussage fehlt eine wichtige Information. Nämlich die, wie hoch das Risiko eigentlich generell ist.


Nehmen wir an, 10 von 100.000 Menschen erkranken jährlich an fibriler Stereomatose. Bei 100.000 Menschen, die wöchentlich Linsen essen, sind’s aber 20, die pro Jahr daran erkranken.

Es stimmt schon: 20 sind doppelt so viele wie 10 und also stimmt das mit der Risikosteigerung um 100 Prozent. Relativ gesehen. Absolut gesehen hat sich mein Risiko als Linsenesser jedoch so gut wie gar nicht erhöht, nämlich um genau 0,01 Prozentpunkte. Gleich viel weniger dramatisch, oder?

Erkrankten hingegen jährlich 1.000 von 100.000 Menschen an meiner fiktiven Krankheit und unter den 100.000 Linsenessern wären’s 2.000 – tja, dann sähe die Sache anderes aus. Die relative Risikosteigerung betrüge nach wie 100 Prozent. Das absolute Risiko jedoch stiege  von 10 Prozent auf 20 Prozent – eine Zunahme von immerhin 10 Prozentpunkten. Das wäre keine Kleinigkeit mehr und ich sollte vielleicht wirklich in Erwägung ziehen, auf Linsen künftig zu verzichten.


Es kommt also immer auf das Grundrisiko, die sogenannte Basisrate, an. Ist die eh schon sehr niedrig, machen auch erhebliche relative Steigerungen eher wenig aus. Ist sie aber von Haus aus hoch, können auch kleine relative Risikosteigerungen einen erheblichen Effekt haben.

Leider werden solche grundlegenden Erkenntnisse häufig ignoriert. Klar, relative Risikosteigerungen wirken eben viel dramatischer und sorgen dementsprechend für Aufmerksamkeit. Genauso wir relative Steigerungen von Absatzzahlen, Gewinn, Umsatz und so weiter und so weiter.

Als Faustregel könnte man formulieren:

Wenn einem jemand relative Steigerungen (oder Senkungen) von irgendetwas verkaufen will, ohne die dazugehörige Bezugsgröße zu nennen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch einen vereimern will, auf ein Maximum.

Oder er oder sie ist ahnungslos. Das soll vorkommen. So oder so: Immer nach der Basisrate fragen!

Demnächst werden wir uns im dritten Teil unserer Reihe zur Risikokommunikation damit beschäftigen, wie man Risiken besser und einleuchtender kommunizieren kann, sodass auch Menschen, die mit Statistik  nichts am Hut haben oder unter Zahlenblindheit leiden, eine faire Chance haben, diese richtig zu interpretieren.

Herzlich

Ihr

Christoph Frey

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