Briefe an das Patenkind: Körper

Liebe Franziska,

Dein Körper macht Dir zu schaffen, rundet sich dort zu viel, wo Rundungen Deiner Ansicht nach nichts verloren haben, zu wenig dort, wo sie hingehören, und scheint ganz generell momentan eher Anlass zu Kummer und Verdruss denn zu ungetrübter Freude am Selbst zu sein. Jetzt fragst Du Dich, was Du tun kannst, wie Du es schaffen kannst, Deinen Körper so zu modellieren, wie er Deiner Meinung nach eigentlich gedacht ist. Mittels Diät, Sport oder – auch das magst Du nicht ausschließen – mittels der Segnungen moderner Chirurgie. Und willst meine Meinung dazu hören.

Als Mann bin ich freilich wohl eher wenig dazu prädestiniert, eine Meinung zu den Fährnissen weiblicher Körperentwicklung zu haben. Aber Du hast ja nun einmal gefragt und gekniffen wird nicht.

Zunächst einmal fällt mir dazu ein, dass Du über Deinen Körper redest als sei er – tja, wie soll ich sagen – ein Gegenüber. Ein momentan offenbar ziemlich fremdes, fast feindliches Gegenüber. Doch dieses Gegenüber, Franziska, existiert nicht. Dein Körper, das bist Du. Auch. Geist – oder Psyche oder Ich oder Seele, wie immer Du’s nennen magst – vom Körper abzutrennen ist zwar gut abendländisch, deshalb aber noch lange nicht der Weisheit allerletzter Schluss. Es beeinflussen sich die Beiden doch wechselseitig und sind ohne einander gar nicht zu denken. Wenn Du von etwas dauerhaft überfordert bist, wird Dein Körper Dir relativ zügig aufzeigen, dass er das nicht recht verträgt. Wenn umgekehrt Dein Körper Dir Schmerzen bereitet, wird das Deinen Geist kaum unbeeindruckt lassen.

Wir lassen unseren Geist – eher ungern – von Anderen (Eltern, Lehrern …) formen und formen ihn natürlich auch selbst. Und unseren Körper formen wir auch, überlassen seine lebenslange Entwicklung nicht dem schieren Zufall genetischer Disposition und den Einflüssen der Umwelt. Ist ja auch gesund. Übergewicht macht schließlich krank. Wissen wir. Vernachlässigte Muskeln und Bänder schaffen Probleme. Wissen wir auch (und Dein Patenonkel weiß davon ein besonders unerfreuliches Liedlein zu trällern).

Also ernähren wir uns eben „vernünftig“ und vor allem maßvoll (und leben damit, dass das, was heute als vernünftiges Nahrungsmittel gilt, ein paar Jahre später als verderblicher Krankheitsbringer verdammt wird), treiben tapfer Sport (und laborieren dann an gerissenen Muskeln und verstauchten Gelenken). Warum also nicht einen Schritt weitergehen? Umso erfreulicher wenn dieser Schritt uns auch die Mühsal schweißtreibenden Trainings erspart. Sollen doch Zellgifte, Absaugschlauch und Skalpell formen, was die Natur von selbst nicht hergeben mag. Ein wenig die Nase korrigiert, ein bisschen Fett abgesaugt, dieses begradigt und jenes gestrafft … das Spiel lässt sich – finanzielle Mittel vorausgesetzt – eine ganze Weile lang treiben. Über die Endprodukte dieser Schöpferkurse für Anfänger verstummt dann indes zumeist des Sängers Höflichkeit.

Auf welches Ideal hin soll er denn geformt werden, Dein Körper? Warum willst Du da mehr Fülle und dort weniger? Weil es so besser aussähe? Für wen? Für Dich? Oder für jemand anders? Und bist Du Dir so sehr sicher, dass dieser andere tatsächlich schön findet, was Du für ideal hältst? Sind die Menschen, die Dir etwas bedeuten und denen Du gefallen willst, solche, deren Vorstellung von Schönheit sich an halbverhungerten Models oder silikonoptimierten Pornoqueens orientiert? Gilt Dir denn selbst neuerdings der bodybuildende Anabolikamastochse als Krone männlicher Attraktivität?

Dein Körper, liebes Kind, verändert sich. Ständig und zu jeder Zeit. Damit wird er bis zum Schluss nicht aufhören. Dagegen kann zum Glück auch Dr. Frankenstein nichts tun. Man nennt das Leben. Und all die kleinen Veränderungen sagen auch etwas über Dich – wie Du lebst, wie glücklich Du bist und wie zufrieden. Schön, mein liebes Kind, bist Du nicht, weil Du makellos bist (was Du nicht bist) oder irgendwelchen Hochglanzzeitschriftenidealen entsprichst (was Du nicht tust), sondern weil Du bist, was Du bist und wie Du bist. Und weil Deine Nase diese drollige Form hat. Dass das so bleiben möge wünscht sich

Dein hüftfüllig werdender Patenonkel.

 

© 2007, 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

zurück zur Startseite