Briefe an das Patenkind: Geschichte

Liebe Franziska,

der Geschichtsunterricht langweilt Dich ins Koma. Kaum fassen kannst Du, welch gänzlich neue Dimensionen von Langeweile sich auftun, kaum dass Euer Geschichtslehrer den Raum betritt und zu unerbaulich-öder Rede anhebt. Die Zeit sei dann aus den Fugen, schreibst Du, sie dehne sich unziemlich und tue eben jenes nicht, wofür sie doch eigentlich da sei: nämlich vergehen. Wozu die Quälerei, fragst Du Dich, und im selben Atemzug: Wie es nur käme, dass Geschichte mich so rasend interessiere, langweilig-narkotisierend wie sie nun einmal daherkäme?

Nun ja, zunächst einmal fällt mir dazu ein, dass Geschichtsunterricht für jeden Wohlmeinenden und halbwegs Phantasiebegabten doch eigentlich ein Heimspiel ist. Einfacher kann’s einem Lehrer ja wohl kaum mehr gemacht werden. Mathematik unterrichten, so dass etwas hängen bleibt zwischen den Ohrmuscheln der geneigten Schülerschaft – das nenn ich Herausforderung. Aber Geschichte? Gute Güte. Leichter geht’s doch eigentlich nimmer.

Was wollen Kinder – auch dann, wenn sie sich, wie Du, nicht mehr als solche definieren – denn hören? Geschichten. Und um was geht’s in Geschichte? Na ja, eben auch um Geschichten. Was ist Geschichte denn anderes als eine unendliche Menge an Geschichten? Langweiligen auch, aber eben auch spannenden, dramatischen, tragischen, lustigen …

Aber unabhängig davon, ob er spannend sein kann, der Geschichtsunterricht, sollte ich ja schreiben, warum Geschichte mich interessiere und wieso sie wichtig sei.

Geschichte interessiert mich, weil ich verstehen will, warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Und dafür liefert mir die Geschichte jede Menge Anschauungsmaterial. Es ist ja nicht so – wie man manchmal angesichts des angestrengten Herumplärrens der allgegenwärtigen Fortschrittsapologeten meinen könnte – dass die wesentlichen Probleme des Menschseins sich in den letzten paar tausend Jahren so grundlegend verändert hätten. Freilich, magst Du einwerfen, die Gefahr, von großen Raubtieren mit einem schmackhaften Mittagssnack verwechselt zu werden, ist heute bedeutend geringer als vor 10.000 Jahren. Wohl wahr. Angesichts der Allgegenwart benzinsaufender Blechungetüme mit offenbar noch größerem Appetit auf Menschenfleisch, wage ich allerdings zu bezweifeln, dass der diesbezügliche Fortschritt so erheblich ist.

Menschen haben sich zu allen Zeiten mit den grundlegenden Problemen der menschlichen Existenz herumgeschlagen: damit dass ihr Leben endlich ist; dass Liebe so oft unmöglich ist, das Zusammenleben mehrerer Menschen auf einem Haufen zumeist reichlich mühselig und gemeinsames Erledigen notwendiger Arbeiten oft nervtötend. Für diese und andere grundlegende Probleme haben sie Lösungen gefunden. Manche hören sich besser an als sie letztlich waren, andere endeten sogar in Massengräbern; manche wurden nie wirklich ausprobiert, während an anderen so lange herumgefeilt wurde, dass sie schlussendlich kaum mehr zu erkennen waren. Gelöst wurden sie nie endgültig, das liegt in der Natur der Sache, aber die Lösungsansätze sind da. Ich kann sie studieren und versuchen, eigene Antworten zu finden. Ich kann mir das Heute ansehen und es auf der Basis des durch Geschichte erfahrenen Gestern beurteilen. Ich kann versuchen das Heute zu verbessern ohne die Fehler, die im Gestern gemacht wurden, zu wiederholen (was freilich schwieriger ist als es scheint).

Das ist spannend und hilfreich und so recht eigentlich mit das Wichtigste, was die Schule ihren Schülern zu bieten hat, meint

Dein geschichtsbesessener Patenonkel.

 

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