Briefe an das Patenkind: Beamte

Liebe Franziska,

auf einem Amt warst Du und wurdest schlecht behandelt. Unhöflich war man dort und respektlos, wie Du fandest. Was eigentlich, so fragst Du, berechtigt Beamte, Dich geringschätzig zu behandeln? Menschen seien sie schließlich, wie Du und ich.

Wohl war. Und dennoch genießen sie einen Sonderstatus. Sie haben – je nach Stellung – eine Autorität verliehen bekommen, die es ihnen erlaubt, Dinge zu tun, die andere nicht dürfen.

Ein Beamter ist ja ganz eigentlich jemand, der von der Gesellschaft dazu berufen wurde, Dinge zu tun, die irgendwie im allgemeinen Interesse sind. Häufig verbunden mit einem Überwachungs- oder Regulationsauftrag: Beamte kümmern sich darum, dass Regeln eingehalten werden, weil wir Regeln zwar theoretisch gut finden, aber für uns selbst eher nicht.

Ein Beamter hat also einen Auftrag. Von der Gesellschaft wohlgemerkt – nicht vom Staat. Also von uns. Und wir bezahlen ihn nicht nur, sondern wir verleihen ihm auch die Rechte und Privilegien, die es ihm erlauben, seine Aufgaben zu erfüllen.

So betrachtet, tritt einem Beamten immer dann, wenn ihm jemand gegenübertritt, der nicht Beamter ist (also beispielsweise eine noch nicht volljährige Schülerin), in Wirklichkeit sein Souverän – oder vielmehr sozusagen ein Teil seines Souveräns – gegenüber. Was theoretisch ein gewisses Maß an Respekt und Wertschätzung zur Folge haben sollte.

Dass das nicht immer so ist, hat wohl auch damit zu tun, dass wir uns in Deutschland mit allem Obrigkeitlichen schwer tun. Unser Berufsbeamtentum stammt letztlich noch aus einer Zeit, in der der Souverän, von dem ein Beamter seine Macht verliehen bekam, nicht das Volk war, sondern tatsächlich ein Jemand. Ein Kaiser beispielsweise. Der wiederum hatte seine Rechte und Privilegien vom lieben Gott höchstpersönlich, der ihm Land und Leute zum Besitz gegeben hatte, auf dass er seine Freude hätte (und die Untertanen in der Regel eher nicht). Ein Beamter war sozusagen eine Westentaschenausgabe seines Souveräns. Nicht unmittelbar vom lieben Gott eingesetzt, aber doch immerhin mittelbar. Er saß sozusagen zwar nicht zur Rechten Gottes, besaß aber doch immerhin seine Telefonnummer. Dein Beamter hat anscheinend übersehen, dass diese Zeiten eigentlich vorbei sind und am anderen Ende der Leitung niemand mehr abhebt (was allerdings eigentlich immer schon so war).

Das Lustige an unserer heutigen Konstruktion ist, dass Dein Beamter natürlich selbst auch ein Teil des Souveräns ist (was interessante Implikationen für den morgendlichen Blick in den Spiegel haben könnte). So gesehen begegnen sich in deiner Geschichte also zwei Souveräne. Und so wie es unter Diplomaten üblich ist, den drolligen Eigenheiten fremder Souveräne mit einer gewissen gelassenen Indifferenz zu begegnen, so mag es auch Dir hilfreich sein, Dir bewusst zu machen, dass ein Souverän dem anderen kein Krönchen vom Kopf reißen sollte. Auch wenn er schlecht riecht und sich seltsam benimmt, meint

Dein höchst souveräner Patenonkel.

 

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

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