Der WORTFOLIO-Blog: Antifragilität

Was ist eigentlich das Gegenteil von Fragilität?  Nassim Nicholas Taleb  hat diese Frage in seinem aktuellen Buch “Antifragilität” aufgeworfen und dazu einige Gedanken entwickelt.


Ist “robust” das Gegenteil von “fragil”?

Zurück also zur Frage: Was ist das Gegenteil von Fragilität? Einfache Frage, einfache Antwort: Robustheit. Möchte man meinen. Stimmt aber so ganz eigentlich nicht.

Dazu müssen wir uns etwas genauer begucken, was mit Fragilität überhaupt gemeint ist: Laut Duden Zerbrechlichkeit oder auch Zartheit. Etwas, das fragil ist, ist also etwas, das durch Einwirkung von außen – schädliche Einflüsse, Fehler – leicht beschädigt wird. Ganz sicher wird es jedenfalls nicht von Außeneinwirkung profitieren: Fensterscheiben pflegen Steinwürfe nicht eben zu begrüßen (oder vielmehr die Besitzer; was die Fensterscheiben selbst sagen, ist nicht bekannt). Und diese Überlegung führt dazu, die Antwort auf die obige Frage noch einmal genauer zu untersuchen.

Fragile Dinge werden durch Außeneinwirkung leicht beschädigt, robuste nicht oder jedenfalls nicht so leicht. Wenn wir uns diese beiden Begriffe auf einer Skala vorstellen, fehlt da etwas: Nämlich ein Begriff dafür, dass manche Dinge von Außeneinwirkung profitieren. Sie werden nicht nur nicht leicht beschädigt, sondern verbessern sich sogar oder entwickeln sich weiter. Das wäre dann logischerweise das Gegenteil von Fragilität. Und genau diesen Begriff gibt es nicht. Man kann ihn vorläufig nur etwas sperrig und unelegant als Antifragilität bezeichnen.Fragilität - Antifragilität

Nun könnte man einwenden, dass es diesen Begriff aus guten Gründen nicht gibt (übrigens, wie Taleb ausführt, in praktisch keiner der bekannteren Sprachen dieser Welt). Das allerdings stimmt nicht und dass es nicht stimmt, wissen wir ganz eigentlich auch. Aus der Evolutionstheorie. Aus systemtheoretischen Überlegungen. Und recht eigentlich auch aus der eigenen Erfahrung.


Krisen sind nicht “schlecht” (“gut” aber auch nicht zwangsläufig)

Allzu voreilig gehen wir ja häufig davon aus, dass Fehler und schädliche Einflüsse etwas Negatives sind: Lebenskrisen werden eher selten als beglückend erfahren; man erlebt sich selbst als gefährdet, verletzlich, zerbrechlich, vielleicht sogar in der eigenen Existenz bedroht. Als fragil also. Gleichzeitig aber wissen wir eigentlich ganz genau, dass eben solche Krisen manchmal große Fortschritte bewirkt haben. Viele Entwicklungsschritte hätten wir sonst nie gemacht. Wir alle haben also immer wieder auch von Krisen profitiert und damit ein gewisses Maß an Antifragilität unter Beweis gestellt.

Das Leben auf diesem Planeten als solches würde längst nicht mehr existieren, wenn es nicht von Fehlern und schädlichen Einflüssen auch profitieren würde: (Zufällige) Fehler beim Kopiervorgang von Gensequenzen führten und führen zu (zufälligen) Mutationen, die wiederum manchmal eine bessere Anpassung an die bestehende Umwelt erlauben (im Vergleich zu nicht-mutierten Exemplaren derselben Spezies) oder überhaupt Anpassung an eine Umwelt, die sich verändert hat. Auf diese Weise hat sich unter anderem der Mensch entwickelt. Fehler sind irgendwie gar nicht so schlecht, könnte man meinen.

Nun könnte man solche Überlegungen für akademische Gedankenspiele halten. Sie haben aber reale Konsequenzen (z.B. zu unserem Umgang mit Fehlern), um die es zu einem anderen Zeitpunkt gehen wird.

Anregung für’s Wochenende: Erinnern Sie sich an Ereignisse in Ihrer Vergangenheit, die sie als zutiefst unangenehm, schmerzlich, vielleicht sogar verstörend empfunden haben. Überprüfen Sie dann, ob und inwieweit diese auf mittlere oder längere Sicht Folgen hatten, die eigentlich positiv waren oder sind.

Ihnen allen wünsche ich ein Wochenende ohne schmerzliche Ereignisse (auch wenn man davon nicht selten profitiert …)

Christoph Frey

 

Literatur:

Taleb, Nassim N. (2013). Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. München: Knaus

© 2015 by Christoph Frey. Alle Rechte vorbehalten.

zurück zur Startseite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*