Die Theorie besagt, dass es so aussieht: Trainer*innen und Vortragende schöpfen das, was sie sagen und tun, nicht nur aus ihren langjährigen und reflektierten Erfahrungen, sondern – vor allem auch – aus ihrer profunden Kenntnis theoretischer Ansätze und Überlegungen, Methoden und entsprechender empirischer Befunde. Und sie sind nachdrücklich darauf bedacht, auf dem Laufenden zu bleiben. Nicht selten sieht man nachts in den Universitätsbibliothken noch Licht brennen. Das sind Trainer*innen, die – in Ermangelung eines eigenen Onlinezugangs – die neusten Ausgaben der Fachjournale studieren, sich dann im Morgengrauen, müdigkeitsumwölkt doch erkenntniserfüllt und mit einem Arm voll neuer Fachbücher nach Hause schleppen.

Soweit die Theorie.

Die Praxis ist zumeist einen Hauch profaner. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Zu unübersichtlich die Anzahl der Fachjournale, zu hoch der Stapel neuer Veröffentlichungen über Theorien und Methoden, Ansätze und Studien.

Da verliert man schon mal den Überblick. Und überhaupt: Gar zu fachchninesich soll es eh nicht sein, das goutieren Teilnehmer*innen von Trainings und Workshops eher selten. Also verkürzen wir eben komplexe Sachverhalte, verschweigen, dass es neben dem präferierten Ansatz auch noch andere, ebenso gute gibt. Schließlich bilden wir Teilnehmer*innen in Trainings und Workshops nicht zu Psycholog*innen aus.

Aber Wissen – selbst wenn es einmal profund, substantiell und auf der Höhe der Zeit war – veraltet eben. Was gestern noch der große Hype war, an dem niemand vorbei kam, wird heute kaum mehr erwähnt. Theorien werden widerlegt, neue entwickelt und natürlich ändern sich auch die Themen, die Unternehmen nachfragen und auch die Bedürfnisse derTeilnehmenden.

Und ehe man sich’s versieht, verpasst man, dass das, was man die ganze Zeit für wahr und richtig hielt, mittlerweile wiederlegt ist. Nicht mehr stimmt. Noch nie stimmte. Weil es neue Studien dazu gibt. Oder überhaupt zum ersten Mal eine Studie. Oder weil irgendjemand sich die Sache genauer angesehen und erkannt hat, dass es da ein paar gravierende logische Probleme gibt. Oder irgendetwas anderes, das geeignet ist, aus einer hübschen, glänzendern, wohlriechenden Sache einen stinkenden, braunen Haufen zu machen, um den jeder vernunftbegabte Mensch einen großen Bogen zu machen pflegt.


Die Wortwahl ist weder zufällig noch meiner nicht vorhandenen Neigung zu Fäkalfomrulierungen geschuldet, sondern führt bildlich auf das Thema dieses Beitrags hin: Wir reden natürlich von Bullshit. Jenem unverzichtbaren Kern fragwürdiger Geschäftsmodelle und leider auch so manchen Trainings. Was wird einem da nicht alles erzählt: Unser Unterbewusstsein sei angeblich nicht in der Lage, Negatives zu verarbeiten; “Powerposing” soll geeignet sein, Lampenfieber zu überwinden; “Lerntypen” soll es geben; Frösche merken angeblich nicht, dass sie verbrühen, wenn man das Wasser, in dem sie sitzen, ganz langsam erhitzt und am Ende soll sowieso alles irgendwie quantenmäßig erklärbar sein.

Hört sich alles hübsch an, stimmt aber leider in keinem Fall. Dennoch hört man diese und andere Geschichten immer wieder: In Workshops, Trainings, Vorträgen und Blogbeiträgen. Und damit wird aus einer widerlegten Theorie, einer unwahren Geschichte – Bullshit. Sich dieses gerne schamhaft verschwiegenen Themas angenommen zu haben, ist der Verdienst Axel Eberts und seines Kollegen Christoph Wirl. Die beiden haben sich nämlich die Mühe gemacht, einige der bekanntesten Geschichten, die immer wieder und gerne erzählt werden, auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Und nicht nur das: Sie beleuchten im Detail, was jeweils möglicherweise doch dran ist, wo die Missverständnisse oder Unschärfen, die Fehlinterpretationen oder Falschbehauptungen liegen. Und das auch noch humorvoll, wunderbar flüssig und geistreich.

Ein Problem gibt es freilich und das wird wohl nicht nur mir so gehen: Wenn man’s aufschlägt, das Buch, stellt man sich doch unweigerlich die bange Frage: Was von dem, was ich so in Trainings oder Vorträgen erzähle, finde ich wohl hier als Bullshit entlarvt? Und wenn man dann was entdeckt, ist das kein schöner Moment. Aber ein sehr, sehr fruchtbarer, Augen-öffnender, auf-den-Boden-der-Tatsachen-zurückholender.

Soviel sei verraten: Ich bin nicht ganz vorbei gekommen an diesem Moment. Das Gute daran ist, dass ein solcher Moment nicht nur deutlich macht, dass wir alle Menschen sind, mit Fehlern und unvollkommen, sondern dass er auch nachdrücklich mahnt, es sich nicht ganz so leicht zu machen. Und das weckt vielleicht – in meinem Falle war es so – auch wieder die Lust auf Erkenntnis, auf Auseinandersetzung, auf neue Theorien, Ansätze und Ergebnisse. Das ist gut.

So oder so aber ist dieses Buch eine vergnügliche, tiefsinnige, nachdenklich machende und anregende Lektüre, die ich gerne und aus ganzem Herzen empfehlen möchte.

Literatur:

Wirl, Christoph & Ebert, Axel (2017). Bullshit Busters. Irrtümer und Mythen aus Vorträgen, TV und Büchern. Wien: Goldegg.

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(* Die Links werden nur aus Gründen der Praktikabilität zur Verfügung gestellt. Wortfolio hat keinen finanziellen oder sonstigen Vorteil davon und möchte auch weder Amazon noch Thalia werbend hervorheben. Noch besser kaufen Sie das Buch natürlich in Ihrer örtlichen Buchhandlung.)